Loil Neidhöfer
Wilhelm Reich, der Mann des Jahrhunderts

Kritische Laudatio zum 100. Geburtstag

 

(aus: SkanReader 5/96)

Daisy Einstein, die betagte Tochter von Albert Einstein, geht mit dem jungen Atom-Physiker Donald Düsentrieb zum Notar und läßt dem jungen Mann dort bestätigen, daß sie ihn für geeignet hält, das Werk ihres Vaters fortzuführen. Mit diesem Papier in der Tasche gründet Donald ein Albert-Einstein-Institut, in welchem er von nun an auf den Spuren Einsteins forscht, lehrt und sein Auskommen findet. In Broschüren warnt er vor falschen Gurus, die sich illigitimerweise mit Einsteins Namen schmückend bemänteln und empfiehlt allen Studenten der einsteinschen Lehre, sich gegebenenfalls die juristische Legitimation ihrer Lehrer vorlegen zu lassen. Die Branche grinst und geht zur Tagesordnung über.

Nicht so Minnie Duck, ebenfalls Atom-Physikerin und Leiterin der Zentrale für Partikel-Lehre. Auch Minnie Duck fühlt sich geeignet, die Arbeit Albert Einsteins fortzuführen. Ebenso wie Donald Düsentrieb hat sie Einstein nicht persönlich gekannt, jedoch ihr Lehrer ist Dr. Dagobert Goof, ein - wenn auch mäßig bekannter - Schüler von Albert.

Aber Minnie hat keine notarielle Bestätigung von Daisy. Sie schreibt dieser einen wütenden Brief, mit der Aufforderung, die beglaubigte Lobhudelei zu widerrufen, da der junge Kollege mitnichten qualifiziert genug sei, wg. unzureichender Ausbildung. Donald Düsentrieb wiederum läßt über Minnie Duck verlautbaren, sie gehöre zur Sorte der orthodoxen Einsteinianer, was in der Branche eine schlimme Brandmarkung ist, die alles besagt.

Im fernen Erpelhausen erscheint indessen die fünfundelfzigste Nummer von duckomatula, einem Periodikum mit kleinster Auflage, daß sich aus lauter Liebhaberei mit der Lehre Einsteins beschäftigt und allen ein Forum sein will, die ähnliches im Sinn haben. So veröffentlicht Kalle Karlo, der Herausgeber von duckomatula, in aller Unschuld und Freundlichkeit einen Hinweis, daß die neueste Ausgabe der Zeitschrift der Zentrale für Partikel-Lehre - Sie erinnern sich: Minnie Duck ! - erschienen sei und wo man sie bestellen könne. Daraufhin erhält Kalle Karlo von Donald Düsentrieb einen Anruf, ob er denn nicht wisse, wie schlimm Minnie Duck sei, und wie er dazu käme, ihr Machwerk in duckomatula anzupreisen...

Diese disney-getunte Szenerie ist der Wirklichkeit nachempfunden. Allerdings hat Einstein mit der Sache nichts zu tun. Setzt man für „Albert Einstein" jedoch „Wilhelm Reich" ein, wird die Fiktion zur Realität: wir reden von Szenen aus der westeuropäischen deutschsprachigen Reich-Subkultur.

Eifersucht, Rivalität, Besserwisserei sowie Rufmord und Totschweigen - es sind noch relativ milde Zweite-Schicht-Phänomene, die den Umgang von „Reichianern" untereinander bestimmen, und der Verfasser bekennt, bisweilen kräftig mitgemischt zu haben.

Reich selbst hätte wohl am wenigsten erwartet, daß die nächste Generation es besser macht als die anderen. Zu tief war seine einsame Einsicht in jenes zählebige, bizarre Phänomen, daß er „Panzerung" nannte. Sein verzweifelt-hoffnungsvoller Ausblick auf die „Kinder der Zukunft" geht einher mit seiner radikal-nüchternen Kenntnis der subhumanen Monster der Gegenwart. Nicht nur Hitler und Stalin waren gemeint, sondern vor allem der "kleine Mann" in uns allen. Tiefer und differenzierter als jemals zuvor ging Reichs Strukturanalyse menschlicher Destruktivität. Viele Fragen, die mit „Wie" beginnen, konnte er uns kraft seines Genius beantworten. Eine Frage jedoch blieb offen. Sie beginnt mit „Warum" und beschließt sein letztes Hauptwerk, Cosmic Superimposition: "Warum hat sich der Mensch als einziges Lebewesen gepanzert?" (1)

Hätte er auch diese Frage noch beantworten können, wenn ihm zwanzig oder dreißig Jahre mehr geblieben wären? Oder war er damit schon an die Grenzen menschlicher Erkenntnismöglichkeiten gestoßen?

Lange haben wir uns nicht um solche Überlegungen gekümmert. Zu not-wendig, vereinnehmend und berauschend war die immer neu stimulierte Beschäftigung mit der eigenen emotional-sexuellen Wichtigkeit, für die uns Reich eine tragfähige Gebrauchsanleitung lieferte. Wer im Strömen lebt, der fragt nicht nach dem Sinn des Lebens, so hieß es doch, oder? Wer wollte schon ein mindfucker sein und sich selbst stigmatisieren? It's a great life. Let's go for it! hieß die Losung. Wir wollten Erfüllung und Rausch, den Chip im Kopf mit der life force einweichen und unterspülen. Bald konnten wir eine alte Ahnung neu und vollständiger verkörpern: Ekstase und Dilemma sind die Berg- und Bodenstation unserer existentiellen Seilbahnfahrten. Das eine die immer flüchtige Möglichkeit, die kurzfristige Aufhebung der psychischen Schwerkraft - das andere die unausweichliche Gebundenheit an unsere endliche, bedingte und verletzliche menschliche Existenz. Unser neurotisches Dilemma, das emotional-sexuelle Drama, ist auflösbar und heilbar, nicht zuletzt dank Reich. Wenn wir mehr wollen, kann uns Reich nicht weiterhelfen: das existentielle Dilemma bleibt therapieresistent.

Daß Reich dieses Grunddilemma der conditio humana erkannt hatte und zu formulieren wußte, steht außer Zweifel:

Jede echte Religion entspricht der kosmischen, der "ozeanischen" Erfahrung des Menschen. Jede echte Religion enthält die Erfahrung des Einsseins mit einer allgegenwärtigen Macht und zugleich einer zeitweiligen, schmerzlichen Trennung von dieser Macht. Die ewige Sehnsucht zum eigenen Ursprung...nach dem Wiedereingebettetsein im "Ewigen", durchzieht alle menschliche Sehnsucht. Sie wirkt am Grunde der großartigen intellektuellen und künstlerischen Schöpfung des Menschen, sie ist im Innern aller Sehnsucht der Jugendzeit; sie beflügelt alle großen gesellschaftlichen Entwürfe. Es scheint so, als strebe der Mensch danach, seine Trennung vom kosmischen Ozean zu begreifen; Vorstellungen wie "Sünde" haben ihren Ursprung in einem Versuch, diese Trennung zu erklären. Es muß einen Grund dafür geben, daß der Mensch nicht mit "Gott" vereint ist; es muß einen Weg geben, diese Vereinigung wieder herzustellen, zurückzukehren, heimzukommen. (2)

Reichs Vision war es, „zu leben, auf gesunde Art zu funktionieren"(3). Dies ist, wie wir wissen, kein geringer Entwurf. Orgonotic functioning meint die Betätigung sämtlicher menschlichen Lebensäußerungen auf der Basis der freigesetzten natürlichen bio-energetischen Pulsation; ein Projekt, das für den größten Teil der Menschheit noch lange Utopie bleiben wird. Dennoch fehlt in Reichs weitem Ansatz die Auseinandersetzung mit unseren existentiellen Beschränkungen: auch wenn wir uns noch so frei fühlen, können wir im nächsten Moment ausgelöscht werden, unermeßliches Leid kann jederzeit über uns kommen, und von der berühmten Kuh auf der Weide unterscheiden wir uns vor allem dadurch, daß wir wissen, daß wir nichts wissen über unsere Herkunft, unsere wahre Natur, über Gott.

"Liebe, Arbeit und Wissen", so Reichs bekanntes Wort-Logo, "sind die Quellen unseres Lebens. Sie sollten es auch beherrschen." Dieser Formel fehlt der Kontrapunkt. Tod, Leiden und Nicht-Wissen sind die Hintergrundfiguren unserer Existenz, die wir immer solange ignorieren, bis sie uns eingeholt haben.

In der Tradition des tibetischen Buddhismus gilt der Tod als der wichtigste Moment im Leben, auf den sich von Anfang an alles ausrichtet. Daß ein solcherart organisiertes Leben per se unglücklich sei, ist nur ein westliches Vorurteil. Wer unvorbereitet, d.h. unbewußt stirbt, so lesen wir im Tibetanischen Totenbuch (4), kann anschließend eine böse Überraschung erleben und an einem schauerlichen Ort landen.

Unser westliches Erfüllungs-Dogma Find out what you want and go for it, mit dem sich auch Reich ganz als Kind seiner Zeit erwies, tabuisiert, verdrängt und verschleiert die fundamentale Bedingtheit und Begrenztheit unserer physischen Existenz. Als Körpertherapeuten sind wir aufgefordert, allen existentiellen Realitäten des Körpers Rechnung zu tragen. Die meisten unserer Klienten kommen zu uns, wenn ihr physischer Körper bereits Spuren des Welkens und Erschlaffens zeigt, also im Alter zwischen fünfundzwanzig und fünfzig Jahren. Trotzdem führen wir uns auf, als hätten wir den Jungbrunnen erfunden. Wir fragen unsere Klienten nicht, was sie mit dem oft nur geringen Rest ihres Lebens vorhaben. Wir wiegen sie und uns selbst in der Halbwahrheit, daß der Organismus durch die Therapie pulsierender, strömender, freier wird. Wir reden nicht über das, was der Körper auf jeden Fall tut: er altert, marodiert, stirbt ab.

During life, the individual consciousness is limited by the physical vehicle, defined by the brain, the nervous system, the mechanism of the body. You are kept from access to most of mind by this barrier of brain and nervous system. Therefore, most of mind is in the so-called unconscious.

Because this is so, it is possible to just live your life on the basis of the stimulation of this bodily entity, and to take from life the pleasure that you can. Such is the choice that many make, because they do not understand what is on the other side of the barrier that is the body.

But the barrier is lifted at death, and you fall into the domain of the so-called unconscious. Before death, you make mind, and after death, mind makes you. Mind is your circumstance after death, and not just the thinking mind of your limited conscious awareness. The unconscious is your circumstance after death. (...) And after death, you no longer have the physical means to prevent the unconscious from becoming conscious. (...)

People think that perhaps the brain is everything, perhaps mind is the brain, perhaps when you are dead, you are dead. It is not true. Nevertheless, the brain is a limiting mechanism that keeps you from having certain kinds of experiences. The brain exists not to evolve so you can have all experiences, but to limit and define the kinds of experiences you can have. Most of what is potential as experience is outside the brain-mind and, as a general rule, not accessible. Sometimes openings may occur beyond the brain-mind, and you may have unusual experiences, some positive, some negative. But for the most part, you remain in a state controlled by the brain-mind. Your thoughts and experiences relate to your present physicality.

Therefore, for the most part, people think that life is about the experiences of the present body-mind. They do not understand the purpose of the limit on experience, which is to purify the karmic mind that preceded the present birth. You must devote your life, not to the fulfillment of the bodily personality, but to the purification of karma through transcendence of the bodily personality, so that in death, when you lose the vehicle that presently shuts off experience, and when all experience is available to you, your experience will be auspicious, because mind has been purified and attention has been given to its Divine Source-Condition.

Diese Sätze stammen nicht von Reich, sondern aus Da Free John's Easy Death (5). Sie spiegeln - ausgesprochen von einem, der weiß, wovon er spricht - eine Auffassung von „Leben" wider, die das Werk jedes noch so genialen „diesseitigen" Forschers zur Marginalie werden läßt. Eine Perspektive, atemberaubend weit und für uns kaum nachvollziehbar, die den Tod nicht ausklammert und dem Sterben in der Kette der Inkarnationen die Bedeutung des nächtlichen Einschlafens zwischen zwei Tagen zuweist. Kann dies für uns als Bodyworker überhaupt „praxisrelevant" sein?

Wie auch immer, die Beschäftigung mit den großen spirituellen Traditionen und Lehrern legt uns nahe, Reichs Werk nicht zweckentfremdend zu handhaben, indem wir darin nach Antworten auf unsere spirituellen Fragen suchen: es gibt sie dort nicht. Reich kann unseren spirituellen Hunger nicht stillen; er ist und bleibt unser Mann fürs Weltliche.

Zwar überrascht er uns am Ende mit Passagen wie der folgenden:

I learned to respect religious thought. I have to confess that. I didn't twenty years ago. I began to see how deep the religious probing goes, how deep down, even though it is mystical. In reading Buddha or Christ or any other theory, it's incredible how much these founders of religion knew about the orgonotic functioning. It's incredible! Disguised, or not in scientific terms, but the basic cosmic laws were known somehow. And here I think the discussions of the future will take place, this borderline here. Perception, consciousness, selfawareness, and spirit, absolute God. (6)

Aber solche Äußerungen belegen nicht Reichs Kompetenz in spirituellen Fragen. Sie besagen nur, daß er in seinen letzten Jahren in dieser Hinsicht toleranter und neugieriger geworden ist.

Dies ist an sich schon bemerkenswert, wenn man bedenkt, wie halsstarrig Freud Zeit seines Lebens an der Meinung festgehalten hat, daß Religiosität und erst recht spirituelle Praxis ausschließlich Ausdruck unreifen infantil-neurotischen Fixiertseins seien.

Reich hatte Freuds Ansicht zunächst übernommen. In seinen frühen Schriften taucht dann auch regelmäßig der exemplarische Hindu-Yoga-Asket als abschreckendes Beispiel transkultureller Körper- und Lebensfeindlichkeit auf. Zugleich ist Reichs Auffassung differenzierter als Freuds durchgehend verächtliche Haltung. Er kritisiert vor allem die erstarrten exoterischen Religionen des Westens als Instrumente sozialer Anpassung und Lebensunterdrückung. Dennoch konzidiert er die prinzipielle Authentizität der ekstatischen religiösen Erfahrung, allerdings mit der Einschränkung, daß es sich dabei um Formen gestörter bzw. umgeleiteter sexueller Entladung handele.

In den 40er Jahren wächst Reichs Interesse an den spirituellen Traditionen der Naturvölker, denen er, anders als den autoritären, dogmatischen Zivilisations-Religionen, eine befreiende Funktion zugesteht. Die Nützlichkeit bzw. Heilsamkeit irgendeines religiösen oder spirituellen Systems mißt er schließlich daran, inwieweit es den freien Ausdruck natürlicher Lebensfunktionen akzeptiert und fördert. Mann & Hoffman (7) weisen zu Recht darauf hin, daß Reich hierbei große spirituelle Lehren wie Talmud, Kabbalah und Tantra übersieht, die den vollständigen Ausdruck der vitalen, vor allem sexuellen, Lebensfunktionen sogar zum Vehikel der spirituellen Erfahrung und zur Voraussetzung spirituellen Wachstums machen.

Der Tenor von Reichs Position ist letzten Endes, daß er die Sexualökonomie und das orgonotische Funktionieren zum Beurteilungs-Maßstab der ihm bekannten spirituellen Ansätze macht und sich auch nicht scheut, Jesus zum Exponenten der Orgonomie zu erklären.(8) Spirituelle Transmission, Gotterfahrung, die Intuition der subtileren esoterischen Anatomie, die Intuition subtilerer Welten und Entitäten oder die Erfahrung karmischer Zusammenhänge kommen nicht vor in Reichs Entwurf und können dort nicht vorkommen, und erst recht nicht in entsprechenden Kommentaren der Epigonen.(9) Der Vorwurf des Mystizismus ist allgegenwärtig.

Reichs späte Wertschätzung der großen spirituellen Lehrer und Religionsstifter ist begrenzt und enthält sogar einen Beigeschmack von Blasphemie: Buddha und Jesus, sowie alle großen Adepten hatten und haben zweifellos ein tiefes Verständnis dessen, was Reich „orgonotic functioning" und „basic cosmic laws" genannt hat. Ahnte Reich nicht, daß sie noch weitaus mehr wußten und noch in ganz anderen energetischen Sphären zu Hause waren als in dem vergleichsweise groben Aggregatzustand „Orgonenergie"? In Sphären, die sogar jenseits aller „Erfahrung" und „Energiebewegung" und jenseits aller Bedingtheit liegen, unerforschbar mit den Mitteln wissenschaftlicher Forschung?

Die "Orgonenergie" ist in den spirituellen Traditionen der Menschheit bekannt. Sie hat viele Namen: Prana, Mana, Ka, Chi, Ki und so fort. Aber sie wird dort nicht wie bei Reich als "primordial" angesehen, sondern als eine bereits relativ grobe Modifikation der Einen, ursprünglichen Quellenenergie. Allerdings ist nicht bekannt, daß jemals ein Prana- oder Chi-Akkumulator gebaut wurde. Man könnte einwenden, daß in den Hochzeiten früher Kulturen wie z.B. der der Hindus ein direkterer Zugang zur Heilenergie bestand und daß es zur Entfremdungs-Symptomatik unseres dark age gehört, daß man sich in eine Kiste setzen muß, um heiler zu werden.

Das ändert jedoch nichts daran, daß Reichs Orgon-Akku eine geniale Erfindung ist, vielleicht "die wichtigste Erfindung in der Geschichte der Medizin - ohne jede Einschränkung." (10) Wenn jedoch argumentiert wird, daß Reichs Orgon "wissenschaftlich" verifiziert sei, während es sich bei Prana, Chi und Co um "philosophische oder religiöse Spekulationen" handele (11), muß klargestellt werden, daß diese Traditionen nicht auf "unwissenschaftlichen" Mutmaßungen, sondern auf der Realisation großer Adepten beruhen, an deren Wissen und Bewußtsein Wissenschaftlichkeit unserer Zeit nicht heranreicht, Reich eingeschlossen.

Reich klopft Buddha und Jesus kollegial auf die Schulter: Gut gemacht, Jungs, zwar ein bißchen mystisch, das Ganze, aber ansonsten geht es bei euch schon ganz schön orgonomisch zu.

Reich verkennt die Tiefe der Erfahrung und des Seins der großen spirituellen Lehrer und den Sinn ihres Wirkens: die Menschen herauszuliften aus dem samsara, dem existentiellen Dilemma, ihnen die Gotterfahrung zu ermöglichen und den Weg zur Gottrealisierung zu weisen.(12)

Dieser Weg ist seit Menschengedenken der Weg der direkten spirituellen Transmission, die im Kontext der Guru-Devotee-Beziehung stattfindet, der Beziehung zwischen spirituellem Meister und Schüler. Diese Konstellation ist allerdings verpönt, diskrediert und mißverstanden in der westlichen (und in der verwestlichten) Welt, die dem "Ego" huldigt, daß sich in seinem Bestreben nach Individualität und Selbstverwirklichung bei gleichzeitiger Leugnung seiner Begrenztheit niemandem unterwerfen will.

Daß der spirituelle Meister die Funktion der treshold-person ausübt und uns den Zugang zum Göttlichen wie ein Fahrstuhlführer vermittelt kann, daß die Hingabe an den spirituellen Meister in den Zustand der ego-transzendierenden, ekstatischen göttlichen Liebe mündet, die niemals gefunden werden kann, solange man sie sucht (12a) - all das ist in unseren Breiten kaum bekannt oder mehr oder weniger suffisant infrage gestellt.

Die Beziehung zwischen spirituellem Meister und Schüler besteht nicht in begrifflichen Symbolen oder in emotionaler Anhänglichkeit an eine außergewöhnliche Person. Die Guru-Schüler-Beziehung ist von ganz realer physischer Natur. Die reife Beziehung der Hingabe an den spirituellen Meister ist absolut gesetzmäßig und notwendig. Diejenigen, die Einwände gegen diese Beziehung erheben, könnten ebensogut Einwände erheben gegen die Beziehung zwischen der Erde und der Sonne...

Es besteht ein tiefgreifender Unterschied zwischen dem Zustand des gewöhnlichen Menschen und dem Zustand des vollkommen erwachten Menschen. Dieser Unterschied ist ein unvorstellbarer Sprung in der Evolution. Aber es gibt einen ganz realen Prozeß und unmittelbare Hilfe, wodurch dieser Sprung möglich wird: die Beziehung liebender Hingabe an (...) den Vollendeten, Spirituellen Meister (...).

Wirkliches spirituelles Leben besteht nicht nur in einer Veränderung eures Denkens. Es muß weit mehr geschehen als ein inneres Erwachen, mehr als nur ein gutes Gefühl, das man allem gegenüber zu entwickeln versucht. Die Natur eurer gesamten Existenz muß sich völlig verändern. Der physische Körper und seine Energien müssen buchstäblich transformiert werden (...).

Göttliche Erleuchtung ist eine buchstäbliche Umwandlung des ganzen Körpers. Es müssen konkrete psycho-physische Veränderungen geschehen, die genauso real sind, wie wenn man zusätzliche Arme und Beine entwickeln müßte. Doch die dramatischsten Veränderungen finden nicht in der äußeren Gestalt des physischen Körpers statt, sondern in anderen Dimensionen. Sie sind genauso real wie die Entwicklung vom Dinosaurier zum Menschen, und sie sind genauso dramatisch, aber sie geschehen vor allem auf feineren Ebenen der physischen Natur des manifesten Wesens.

Es treten unmittelbare Veränderungen im Nervensystem, unmittelbare Veränderungen in der Chemie des Körpers, unmittelbare Veränderungen in den organischen Funktionen des Gehirns ein.

Solche Veränderungen lassen sich nicht an einem Wochenende verwirklichen, sie sind ein lebendiger Wachstumsprozeß. Aber man kann sie beschleunigen und intensivieren durch die richtige Praxis, die Disziplin wirklicher Hingabe in der Gesellschaft des Vollkommen Erwachten Spirituellen Meisters.(13)

Wozu dieser Exkurs über Reich und Spiritualität? Man schmälert Reichs überragende Leistung nicht, wenn man folgendes anmerkt: Reich stiftet am Ende Verwirrung, indem er „orgonotisches Funktionieren" mit dem spirituellen Prozeß vermengt. Man kann ihm zugute halten, daß er uninformiert war über die tatsächliche Bedeutung, Funktion und Fähigkeit eines spirituellen Meisters. Dies wäre aber nicht nur auf Mangel an Quellen zurückzuführen: Vivekananda hatte die USA zu Beginn des Jahrhunderts bereist und dort bis heute kräftige Spuren hinterlassen. Nytyananda in Ganeshpuri, der Lehrer Muktanandas, oder Ramana Maharshi waren zu Reichs Lebzeiten weltweit bekannte Adepten der höchsten Stufen. Ein spiritueller Lehrer von Format hätte Reich, der so bitter seine Einsamkeit beklagte (14), einiges zum Stellenwert der Orgonenergie im kosmischen Mandala zu sagen gehabt. Aber wie viele andere starke „Egos" der Geschichte hat Reich solche Manifestationen und Inkarnationen des Göttlichen ignoriert und lieber auf eine unpersönliche göttliche Kraft spekuliert, die er glaubte erforschen zu können.

Was ist der "Sinn" des Lebens? Was geschieht nach dem Tod? Gibt es Gott?

Einstein hat sich vor diesen letzten Fragen in Demut verneigt.(15) Und auch Reich, womöglich der größere Genius von beiden, muß hier passen wie jeder Normalbegabte.

 

Es mag befremdend erscheinen, die Würdigung eines großen Mannes mit dem zu beginnen, was er nicht leisten konnte. Im Zeitalter von New Age-Konfusion, Spiri-Pop und Meditations-Techno, wo jeder jeden für seine Zwecke einkauft, unterbuttert und verbrät, ist solche Abgrenzung vonnöten, um ein Werk wie das Reichs, das auf menschliches Heilwerden zielt, würdigen zu können.

Was also hat uns Reich hinterlassen? Ungemein Nützliches. Der praktische Nutzen seiner Entdeckungen steht in einem grotesk anmutenden Widerspruch zum nach wie vor anhaltenden Ignoranz-Chor der offiziellen Wissenschaftlichkeit, die Reich heute wie vor 40 Jahren ins Ghetto der Kurpfuscher und Verrückten expatriiert. (16)

Allerdings war Reich kein eindimensionaler Mensch. Die Attribute, die seine Weg- und Lebensgefährten ihm in ihren Veröffentlichungen (17) zuschreiben, ergeben ein vielzackiges Profil: hellwache Sinne, präzises Beobachten, scharfes, unbestechliches Denken, leidenschaftliche Parteilichkeit für alles Lebendige, rastlose, physische Vitalität, cholerische Unduldsamkeit, Fanatismus, Eifersucht und Liebeshunger, provokante Unkonventionalität. Reich erscheint in seinem Triumph wie in seinem Scheitern als Mensch von Shakespearschen Dimensionen, der uns vor allem eines vorgemacht hat: er hat gelebt.

Seine wissenschaftliche Kühnheit besteht darin, daß er das Lebendige, das er so vehement in sich spürte, in fast schon subjektivistischer Manier zur Leitlinie seiner Forschungen gemacht hat: das ganz persönliche, intime sinnliche Empfinden war - vor aller Hypothesenbildung und -überprüfung - stets der Ausgangspunkt seiner großen wissenschaftlichen Entdeckungen.

Reich hat nicht nur eine Therapie entwickelt, die den psychischen und psychosomatischen Störungen auf den Grund geht, sondern dazu auch noch eine weittragende Definition von Gesundheit erarbeitet. Er hat auf so verschiedenen Gebieten wie z.B. der Geburtshilfe, der Krebsforschung, der allgemeinen Gesundheitsvorsorge, der Faschismusanalyse, der Wetterkontrolle und der wissenschaftlichen Denkmethodik eine kopernikanische, d.h. orgonomische Wende eingeleitet, in deren vollen Genuß mit Glück vielleicht unsere Ur-Enkel kommen werden.

Allein der Aufgalopp seines wissenschaftlichen Hürdenrennens, die in wenigen Jahren im rasanten Alleingang hergestellte Veredelung der Freudschen Psychoanalyse zur Charakteranalyse, ist eine Leistung, die mindestens nobelpreiswürdig war. Vor allem sein auf präziser Wahrnehmung beruhendes "funktionelles Denken", seine geniale Fähigkeit zur Strukturerkennung hinter den beobachteten Daten, ermöglichten es ihm, als wissenschaftlicher Superman im Turboschritt von der Psychoanalyse zur Entdeckung der kosmischen Orgonenergie zu gelangen.

Viele Stationen lagen dazwischen, die, jede für sich, ausgereicht hätten, als Krönung eines großen Forscherlebens in die Geschichte einzugehen: die Entdeckung der Schichtung der Charakterstruktur über den tiefsten Emotionen; die Erarbeitung der transpsychologischen bio-energetischen Natur der Orgasmusfunktion; die Entdeckung der "Lebensformel"; der Nachweis des Entstehens bio-energetischen Lebens in den "Bionen"; die Erforschung energetischer Vorgänge auch außerhalb lebender Organismen, in der Atmosphäre, im Universum.

Auch wenn Reich sich am Ende mit scheinbar entlegenen Dingen beschäftigte, wie z.B. der Entstehung von mehrarmigen Hurrikanen, der Entstehung des galaktischen Spiralnebels oder der Erforschung der Wüstenbildung: stets konnte er den roten Faden, den inneren Zusammenhang seines Gesamtwerks deutlich machen.

Das Kernstück seiner "Sexualökonomie", die früh entdeckte Orgasmusfunktion, die energetische Annäherung, Erstrahlung, Überlagerung und konvulsive Verschmelzung zweier lebender Organismen, blieb das Grundprinzip, das in modifizierter Form auch in Reichs späterer Forschung immer wieder die entscheidende Rolle spielte.(18)

 

Die Sexualökonomie - der Stein des Anstoßes. Reich ging es zunächst vor allem um eine "naturwissenschaftliche, experimentell fundierte Theorie der Sexualität" (19), nicht mehr und nicht weniger:

Das Thema Sexualität geht seinem Wesen nach quer durch alle wissenschaftlichen Forschungsbebiete. Im Zentralphänomen, dem sexuellen Orgasmus, treffen sich Fragestellungen aus dem Gebiete der Psychologie ebenso wie dem der Physiologie, aus dem der Biologie nicht minder wie dem der Soziologie. Es gibt in der Naturwissenschaft kaum ein zweites Forschungsfeld, das derart geeignet wäre, die Einheitlichkeit des Lebendigen darzubieten und vor engem, trennendem Spezialistentum zu bewahren. (20)

Hätte Reich nur ein wenig schlampiger geforscht und schwafeliger formuliert, Ruhm und Ehre wären ihm schon zu Lebzeiten gewiß gewesen. Über "Sexualität" hätte man noch mit sich reden lassen. Auch daß er nicht nur die bekannten sexuellen Funktionsstörungen der Impotenten und Frigiden benannte, sondern auch die desolate Sexualität der Protzer, Ficker und Koketten aufspürte, nahm man ihm noch nicht übel.

Aber daß er im scheinbar gesunden und normalen Sexualverhalten die verborgene, epidemische Liebes- und Hingabestörung als zivilisationstypische Massenerkrankung entdeckte, sie auf den Begriff der "orgastischen Impotenz" brachte und damit an die tiefsten Ängste rührte - all das brachte ihm nicht die Anerkennung, sondern den Haß der Würdenträger und Opinionleader ein. So genau wollte man es nun doch nicht wissen.

Besonders nicht diejenigen, die sich von Berufs wegen tagtäglich mit den sexuellen Problemen ihrer Patienten zu befassen hatten. Reich hatte nicht nur den Ausweg aus dem neurotischen Unglück gefunden, die Freisetzung der genitalen Sexualität, sondern er war auch auf die mächtigen Kräfte gestoßen, die sich der Heilung widersetzen: die genitalen Ängste, die in den Katakomben der Charakterpanzerung verschanzt sind und von dort, wie aus einer unterirdischen Schaltzentrale, das durchschnittliche Leben in Angst, Vermeidung, Lieblosigkeit und Banalität fernsteuern. Kaum jemand der professionellen Therapierer konnte sich für Reichs Entdeckungen begeistern oder war bereit und in der Lage, ihm zu folgen.

Schon als er 1923 - sechsundzwanzigjährig - seine Überlegungen und Befunde zur Sexualökonomie erstmals im engeren Kreis der Psychoanalytiker um Freud vortrug, war die Reaktion unkollegial frostig:

Während ich vortrug, merkte ich eine Vereisung der Atmosphäre in der Versammlung. Ich pflegte gut zu sprechen. Man hatte mir bis dahin immer interessiert zugehört. Als ich endete, herrschte eisige Stille im Raum. Nach einer Pause begann die Diskussion. Meine Behauptung, daß die Genitalstörung ein wichtiges, vielleicht das wichtigste Symptom der Neurose wäre, sei falsch; ebenso die Behauptung, daß sich aus der Beurteilung der Genitalität prognostische und therapeutische Handhaben ergäben. Zwei Analytiker behaupteten strikt, daß sie Haufen weiblicher Patienten "mit völlig gesundem Genitalleben" kannten. Sie schienen mir aufgeregter als ihrer gewohnten wissenschaftlichen Reserviertheit entsprach. (21)

Knapp dreißig Jahre später, im Interview mit Eissler, wird Reich, rückblickend, deutlicher:

Anfangs verstand ich nicht, woher diese Animosität kam. Zwischen 1920 und 1925 oder 26 wurde ich sehr hoch angesehen. Und dann fühlte ich jene Animosität. Ich hatte etwas Schmerzliches berührt - Genitalität. Sie mochten das nicht. Sie wollten das nicht (...) Ich weiß nicht, weshalb ich zögere, aber ich zögere zu sagen: Die meisten Psychoanalytiker waren genital gestört, und deshalb haßten sie die Genitalität. Das ist es. Ich versichere Ihnen, daß ich das nicht sage, um irgend jemandem zu schaden (...) Es gab Fälle, wo Psychoanalytiker unter dem Vorwand einer genitalen Untersuchung, einer medizinischen Untersuchung, ihre Finger in die Vagina ihrer Patientin einführten. Das geschah recht häufig. Ich wußte das (...) Da die Analytiker selbst in einem so hohen Maße gestört waren, konnte die große Errungenschaft Freuds, nämlich die Entdeckung der sexuellen Ätiologie der Neurosen, nicht überleben. Ich versichere Ihnen, daß das gleiche Problem heute für die Orgonotiker bei der Genitalitätstheorie auftaucht. Sie wagen sich nicht daran. Diese gepanzerten Charakterstrukturen können mit der natürlichen Genitalität nichts anfangen. Es kann noch fünfzig Jahre dauern, bis es so weit ist...(22)

Anders als solche böhsen Onkelz, und anders als die zig Millionen, deren Sexualität damals wie heute mit Angst, Schrecken, Schuld und Scham belastet war und ist, war Reich offenbar gesegnet mit einer unproblematischen psycho-sexuellen Entwicklung. Freimütig beschreibt er nicht nur sein sexuelles Erwachen in Kindheit und Pubertät (23), sondern auch sein frühes genitales Schlüsselerlebnis:

In his past was the experience of an embrace with a young woman in the village where he had been stationed with his regiment in 1916. WR was then nineteen years old. He had known the genital embrace since he was thirteen, without suffering from any kind of impotence, with great pleasure and even satisfaction. But here, for the first time, he experienced what later was to be called „orgastic potency." He experienced the true meaning of love. With this woman the embrace was entirely different from any he had ever known. He could find no words to accurately describe this difference. Terms such as „sweet," „melting," „floating in space," „freed from the pull of the earth" seemed to come closest.

Usually, in the genital embrace the mind somehow remains aloof and the genital organ appears detached from the rest of the body, doing its „business" of pleasure. The partner is felt as „somebody else," if not as completely alien or disgustingly foreign. The „touch" of the body and of the genital organs in particular, though pleasant and warm, does not affect the whole self. The self is the doer rather than the object of love. This seems to be expressed in the American term „making love," which designates the embrace. WR had known this kind of „making love" for many years, as did other men in adolescence who had broken through the fences of a tightly shut public morality. But here, for the first time, he „fell in love." He was not merely a male in union with a female. He was lost in the experience. There was no boundary line between him and the girl. There was not the least experiential distinction between the two organisms. They were one organism, as if united or melted into each other. Everything in this unity was flowing and floating. There was no „thought" or „idea" of „doing this" or „trying" that, and there could be none. The melting, streaming merger was calm and majestic, in no rush to reach the final fulfillment. Her love organ embraced and gently caressed his organ. Appreciation and a deep seriousness filled the twin unity. When the orgasm finally overtook them they burst into tears in a calm but intense manner, and they sank deeper and deeper into each other. When the sweet waves had passed away, there was still a rolling, like the gentle rocking of a boat. They rested quietly within each other for a long time until they fell asleep in complete happiness. The unity of the two organisms was there all through the deep sleep. In the morning their limbs felt pure and light. There was perfect clarity in the senses and cleanliness of emotion. No evil or ugly thought could have arisen in their minds in this emotional state. They were lovely and loving.(24)

 

Sexualökonomie - das Wort klingt altbacken-sinister und weckt persönliche Erinnerungen: Als 20jähriger frage ich schüchtern im Buchladen nach der "Funktion des Orgasmus" und werde von der unbeirrbar selbstsicheren Buchhändlerin aufgeklärt, daß es "Die Funktion des Organismus" heißt.

Erinnerungen an proppenvolle, reval-geräucherte, neongelbe 68er-Seminarräume in "besetzten" oder gar "befreiten" Uni-Instituten, an erschöpfende Vollversammlungs-Rituale, inszeniert von uns adoleszenten Dramaturgen mit angelesenem und halbverstandenem Klassenkampf-Vokabular; Erinnerungen an die häßlich-blauen Marx/Engels-Ausgaben aus dem Dietz-Verlag und die depri-braunen Lenin-Schwarten mit dem allerdings hübschen Lesebändchen drin.

Daß man mit solchen Anmutungen nicht völlig schief liegt, bestätigt uns Sharaf:

Reich prägte den Begriff "Sexualökonomie" um 1930 herum. Er meinte damit das "Kernstück des Wissens...das sich mit der Ökonomie der biologischen Energie im Organismus befaßt, mit seinem Energiehaushalt" Daß er hier den Begriff "Ökonomie" benutzt, ist auch auf den marxistischen Einfluß zurückzuführen. Die Sicherung der Warendistribution erfordert eine rationale Politökonomie. Eine rationale Sexualpolitik ist nichts anderes, wenn man dieselben offensichtlichen Prinzipien auf die sexuellen statt auf die wirtschaftlichen Bedürfnisse anwendet. (25)

Der Terminus Sexualökonomie überdauerte Reichs kurzen und vergeblichen Versuch,

...die linke Bewegung durch die Einführung der grundlegenden psychiatrischen Auffassungen in die politische Soziologie fortschrittlicher zu gestalten. (26)

Wenn Reich im Zusammenhang mit der "Sexualökonomie" vom "Energiehaushalt" im Organismus spricht, fällt uns das heutzutage nicht weiter auf. Jeder redet von Energie, auch der Sportreporter und die Aerobic-Frau, der Masseur und die Apothekerin. Aber als der junge Psychoanalytiker Wilhelm Reich um 1920 herum begann, die Dinge "energetisch" zu sehen, leitete er damit eine Revolution in der Psychotherapie ein. Bis dahin war es unhinterfragte Selbstverständlickeit, daß das therapeutische Interesse den psychischen Inhalten galt, vor allem den typischen emotionalen Konflikten und der kaum überschaubaren, weit verzweigten psychopathologischen Symptomatik. Psychotherapie bestand weitgehend darin, in diesem psychologischen Unterholz Verbindungen zu knüpfen, Zusammenhänge zu stiften, von deren Kenntnisnahme und Einsicht man sich die Heilung der Symptome versprach. Wie heute noch in der "tiefenpsychologisch fundierten" Psychotherapie, wurde versucht, frühe, verdrängte bzw. vergessene biographische Schlüsselerfahrungen oder -konflikte aufzudecken, von denen sich die akute Symptomatik herleiten ließ.

Reichs neuer energetischer Ansatz hieb wie eine Machete durch dieses Gestrüpp des psychologischen Wildwuchses, durch das Chaos der psychotherapeutischen Beliebigkeit. Seine Untersuchungen zur Funktion des Orgasmus hatten ihn zu der Erkenntnis gebracht, daß die psychischen Inhalte abhängig waren von den energetischen Prozessen im Organismus. Das freie Fließen der biologischen Energie wurde zu einer Art "Null-Algorhythmus", zum Grundmodell von "Gesundheit" für die therapeutische Arbeit, die man nun nicht mehr "Psycho"-Therapie nennen konnte. Reich nannte sie functional orgone therapy. Ihr erklärtes Ziel war es, die Bio-Energie im Organismus zu mobilisieren und die energetischen Blockaden aufzulösen bzw. durchlässiger zu machen. Dabei spielte es keine Rolle mehr, welche biographischen Erfahrungen, emotionalen Konflikte etc. am Zustandekommen der energetischen Stasis beteiligt waren:

The patholocical fantasies in all their confusion and endless complexity collapse like a house of cards when the biological energy starts again to function naturally, i.e., economically. (27)

Reichs energetischer Ansatz ging damals wie heute gegen den Mainstream der vorherrschenden Naturwissenschaft, die in "Materie" und "Masse" nicht weiter ableitbare Naturphänomene sah. Auch in Einsteins Energie-Definition wird Energie als Masse beschrieben, die sich mit Lichtgeschwindigkeit fortbewegt, aber, so konstatiert Reich:

...it was still "mass" and not in purely primary terms, mass-free. (28)

Reichs Vermutung war, daß Masse aus Energie entsteht, ohne dies zunächst belegen zu können:

Today I can no longer explain why in my natural scientific conception I gave preference to the "energy" process over "matter" or "substance"...Embryonic functionalism gave precedence to energy in natural development, without being able to prove it. And there was nothing at the time which would have explained where a young natural scientist might have acquired this prejudice. It was not a mystical inclination, because evolving functionalism sharply rejected any metaphysical conception of nature, such as entelechy, vis. spiritualism. From my present standpoint, it seems as if this preference was based simply in the sensations of motion in my own organism. It was nothing more than a prejudice which later proved to be well-founded. (29)

Eine weitere unbewiesene Annahme stand am Beginn von Reichs wissenschaftlicher Entdeckungsreise: emotionale Prozesse gehören zum Bereich der Naturphänomene und sind als solche der naturwissenschaftlichen Untersuchung grundsätzlich zugänglich.

Aus diesen beiden Prämissen, der Präferenz "Energie vor Masse" und der Zuordnung der Emotionen zu den Naturphänomenen leitete Reich die entscheidende Schlußfolgerung ab: emotionale, oder allgemein: psychische Prozesse, haben eine energetische Basis.

In der "Funktion des Orgasmus" beschreibt Reich den abenteuerlich anmutenden Entdeckungs- und Verifizierungsprozess dieser energetischen Basis, der noch auf dem Territorium der Psychoanalyse begann: bei seinem Bemühen, Ordnung in das Durcheinander der Widerstände und der Widerstandsarbeit zu bringen, stieß er zunächst auf die "physiologische Verankerung der Widerstände" in der Muskulatur und konnte nach einigen Jahren hingebungsvoller Forschung die meist komplexe und komplizierte psychische Symptomatik auf eine tieferliegende Pulsationsstörung zurückzuführen, auf eine Störung des rhythmischen Gleichgewichts der expansiven und kotraktiven Grundbewegungen.

Reichs sexualökonomische Theorie besagt, daß die Regulation des "Energiehaushalts" über die beständige Abfolge eines bio-energetischen Viertakts erfolgt, die er als "Lebensformel" beschrieb: Spannung, Ladung, Entladung, Entspannung. Energie wird durch Nahrungsaufnahme und Atmung aufgebaut und in verschiedenster Weise entladen. Da meistens mehr Energie aufgebaut als entladen wird, entsteht ein Energie-Ungleichgewicht. In der Wiederherstellung der energetischen Balance durch Abfuhr überschüssiger Energie sah Reich die Funktion des Orgasmus.

Orgastische Abfuhr sah Reich dabei nicht als Instrument zur Energieabfuhr an, das technisch einsetzbar ist, vielmehr beschrieb er den Prozeß vom anfänglichen Spannungsaufbau über das Herbeisehnen und Suchen der genitalen Umarmung und der orgastischen Entladung als periodisch wiederkehrenden, natürlichen organischen Prozeß: Energieaufbau über einen bestimmten Punkt hinaus wird subjektiv als sexuelle Erregung empfunden; Energie oberhalb des "Zündpunkts kann als sexuelle Energie oder die von Freud beschriebene Libido angesehen werden." (30)

Mit der Erarbeitung der "Lebensformel" und dem Kriterium der "orgastischen Potenz" schuf Reich zugleich eine operationale Definition für Gesundheit und eine allgemeine Zielvorgabe für die psychotherapeutische und später für die orgontherapeutische Arbeit.

Er fand jedoch auch heraus, daß der reibungslose Viertakt der Lebensformel und die vollständige orgastische Abfuhr bei den meisten Menschen, auch den sexuell Aktiven, mehr oder weniger stark beeinträchtigt war: durch das System chronischer muskulärer Kontraktionen im Organismus, das er als bio-energetische Grundlage der meisten Störungen erkannte und "Panzerung" nannte.

Die besondere Struktur der Panzerung, die Reich ausfindig machte, nämlich ihre segmentäre Anordnung, ist eine weitere großartige Entdeckung, die seinen außerordentlichen diagnostischen Scharfblick beweist, der ihn jenseits konventioneller wissenschaftlicher Betrachtungsweisen fündig werden ließ.

Die "sieben Segmente", die Hauptstruktur der Panzerung, fand Reich, indem er Vorgängen im Organismus größte Aufmerksamkeit schenkte, die

...nicht den anatomischen und physiologischen Verläufen der Muskeln, Nerven und Gefäße entsprechen, sondern nach bestimmten, emotionell bedeutsamen Organen gruppiert sind. Das krankhafte Erröten zum Beispiel ist gewöhnlich auf Gesicht und Hals beschränkt, obgleich die Gefäße im Organismus wesentlich der Länge und nicht der Breite nach verlaufen...Wir begegnen nun derselben Tatsache bei der Auflösungsarbeit am muskulären Panzer. Die einzelnen muskulären Blocks folgen nicht dem Verlauf des Muskels oder eines Nerven, sondern sie sind durchwegs von den anatomischen Verläufen unabhängig. Sucht man nun nach einer Regel, der sie notwendigerweise folgen müssen, so entdeckt man bei sorgfältiger Beobachtung des Durchschnitts der Fälle verschiedener Erkrankungen, daß die muskuläre Panzerung segmentär angeordnet ist. (31)

Unabhängig von der segmentären Anordnung der Panzerung formulierte Reich ein weiteres Strukturmodell, ebenso simpel wie wahr: das Drei-Schichten-Modell:

Umfassende und gewissenhafte Heilarbeit am menschlichen Charakter hat mir die Überzeugung beigebracht, daß wir beim Beurteilen menschlicher Reaktionen grundsätzlich mit drei verschiedenen Schichten der biophysischen Struktur zu rechnen haben. Diese Schichten der Charakterstruktur sind, wie ich in meinem Buch Charakteranalyse dargelegt habe, autonom funktionierende Ablagerungen der sozialen Entwicklung. In der oberflächlichen Schichte seines Wesens ist der durchschnittliche Mensch verhalten, höflich, mitleidig, pflichtbewußt, gewissenhaft. Es gäbe keine soziale Tragödie des Menschentiers, wenn diese oberflächliche Schichte des Wesens mit dem tiefen natürlichen Kern unmittelbar in Kontakt wäre. Dies ist nun tragischerweise nicht der Fall: Die oberflächliche Schichte der sozialen Kooperation ist ohne Kontakt mit dem tiefen biologischen Kern der Person; sie ist getragen von einer zweiten, einer mittleren Charakterschichte, die sich durchwegs aus grausamen, sadistischen, sexuell lüsternen, raubgierigen und neidischen Impulsen zusammensetzt. Sie stellt das Freudsche »Unbewußte« oder »Verdrängte« dar, die Summe aller sogenannten »sekundären Triebe« in der Sprache der Sexualökonomie.

Die Orgonbiophysik vermochte das Freudsche Unbewußte, das Antisoziale im Menschen, als sekundäres Resultat der Unterdrückung primärer biologischer Antriebe zu begreifen. Dringt man durch diese zweite Schichte des Perversen tiefer ins biologische Fundament des Menschentieres vor, so entdeckt man regelmäBig die dritte und tiefste Schichte, die wir den »biologischen Kern« nennen. Zutiefst, in diesem Kern, ist der Mensch ein unter günstigen sozialen Umständen ehrliches, arbeitsames, kooperatives, liebendes oder, wenn begründet, rational hassendes Tier. Man kann nun in keinem Falle charakterlicher Auflockerung des Menschen von heute zu dieser tiefsten, so hoffnungsreichen Schichte vordringen, ohne erst die unechte scheinsoziale Oberfläche zu beseitigen. Fällt die Maske der Kultiviertheit, so kommt aber zunächst nicht die natürliche Sozialität, sondern nur die perverssadistische Charakterschichte zum Vorschein.

Diese unglückselige Strukturierung ist dafür verantwortlich, daß jeder natürliche, soziale oder libidinöse Impuls, der aus dem biologischen Kern zur Aktion vordringen will, die Schichte der sekundären perversen Triebe zu passieren hat und dabei abgebogen wird. Diese Abbiegung verändert den ursprünglich sozialen Charakter der natürlichen Impulse ins Perverse und zwingt derart zur Hemmung jeder echten Lebensäußerung. (32)

Reichs Körpertherapie hat also eine zweifach definierte Zielrichtung: vom Kopf zum Becken und von der Fassade zum Kern der Persönlichkeit. Hinter solchen lapidaren Formulierungen verbirgt sich Reichs zentrale Entdeckung und Wahrheit: die Funktion des Orgasmus, die genitale Wahrheit. Sie birgt immensen wissenschaftlichen, sozialen und politischen Zündstoff. Die Reaktion der Welt auf diese Wahrheit hat Reich lebenslang zum Verfolgten gemacht, ihn ins Gefängnis gebracht und vermutlich auch sein Leben weit vor der Zeit beendet.

Die Heilung nicht nur der Symptome, sondern der gesamten neurotischen und biopathischen Disposition, so Reich, tritt erst ein, wenn die Blockierungen im Organismus Segment für Segment gelöst worden sind und schließlich, im Verlauf der Lösung des Beckens, der Grundreflex freigesetzt wird, den Reich in der Qualle wie in der Amöbe überall im Lebendigen ausfindig machte und den er Orgasmusreflex nannte, weil er ihn in der menschlichen Sexualität besonders ausgeprägt vorfand.

Mit dem "Orgasmusreflex" führte er ein Reizwort ein, das noch heute obdachlos durch die wissenschaftlichen Wörterbücher irrt. Damit aber nicht genug, Reich schuf weitere Termini, die der Fachwelt nur schwer über die Lippen kamen: orgastische Potenz (vice versa orgastische Impotenz ) nannte er die Fähigkeit zur vollständigen orgastischen Abfuhr in der genitalen Umarmung, und Genitalität die Form von Erwachsensein und bio-psychischer Gesundheit, die durch die die Wiederherstellung der bio-energetischen Balance garantiert wird.

Er unterschied den neurotischen Charakter vom genitalen Charakter und machte das Maß der Zumutung schließlich voll, indem er vom Diesseits und Jenseits der orgastischen Potenz als "von zwei einander fremden und wesentlich andersartigen biologischen Zuständen" sprach:

Der gepanzerte Organismus empfindet keine plasmatischen Strömungen, im strengen Gegensatz zum ungepanzerten Organismus. In demselben Maße, in dem die Panzerung sich löst, stellen sich die Strömungsempfindungen ein, die der Gepanzerte zunächst als Angst erlebt. Ist die Panzerung völlig gelöst, so werden orgonotische Strömungsempfindungen lustvoll erlebt. Dadurch verändert sich alles Reagieren in so grundsätzlicher Weise, daß man von zwei einander fremden und wesentlich andersartigen biologischen Zuständen sprechen darf. Die Veränderung gelingt natürlich nicht in jedem Falle. Aber wo sie gelingt, gehen mit ihr auch fundamentale Veränderungen der Organempfindungen einher; und mit den Organempfindungen verändert sich das gesamte "Weltbild" rasch und radikal. (33)

Neben dem neurotischen und dem genitalen Charakter beschrieb Reich noch eine weitere Basis-Struktur, wiederum mit Vokabeln, die dem humanistisch-wissenschaftlich vorgebildeten Rezipienten schrill ins Ohr rasselten: er sprach von der emotionellen Pest bzw. von den emotionell Pestkranken. (34)

Emotionelle Pest ist eine besondere und besonders gravierende Form der Panzerung, da sie sich nicht nur auto-destruktiv, sondern vor allem sozial-destruktiv auswirkt, und zwar aktiv-verfolgend, angetrieben von starken Vernichtungsimpulsen vor dem Hintergrund reaktiver Haßreaktionen auf jede Art lebendiger Beweglichkeit im persönlichen Umfeld und weit darüber hinaus, je nach dem realen Macht- und Einflußradius des Pestkranken.

Das Wesen der emotionellen Pest hatte mehr als hundert Jahre vor Reich schon William Blake in zwei drastische Sätze gefaßt (35):

He who desires but acts not, breeds pestilence. Sooner murder an infant in its cradle than nurse unacted desires.

Mit der Beschreibung der Mechanik der emotionellen Pestreaktion und der bio-energetischen Vorgänge im emotionell Pestkranken fand Reich eine hinreichende wissenschaftliche Erklärung für das "Böse" in der Welt, die "strukturelle Bösartigkeit des menschlichen Wesens" (36), der er selbst später zum Opfer fiel. Der Pestcharakter ist therapeutischen Bemühungen im Kern weitgehend unzugänglich und erfordert besondere therapeutische Erfahrung und Qualifikation.

 

Reichs sexualökonomische Theorie ist wahr. Wenn die Therapie glückt, ist nicht nur die genitale Funktion verändert, sind nicht nur unterleibslose Herzlichkeit und kalter Sex passé. Die ganze Person ist transformiert, und die neurotische Angst löst sich mit der Zeit auf, weil ihr die bio-energetische Grundlage entzogen wurde.

Die Beschreibung des "genitalen Charakters" - wieder eine von Reichs starken Wortschöpfungen - ist im Kern zutreffend: sie beschreibt nichts anderes als Erwachsen-Sein auf der Grundlage emotional-sexuellen Glücks.

Die sexuelle Energie ist die mächtigste Kraft im Organismus. Sie ist identisch mit der Lebensenergie und nicht dazu da, nur "entladen" zu werden. Wenn sie "in Umlauf" gebracht werden kann, wenn sie frei im Organismus zirkulieren kann, befreit sie nicht nur die genitale Funktion, sondern nährt und vitalisiert den gesamten Organismus, badet jedes Organ und jede Zelle. Sie öffnet die Augen, das Herz, den Solar Plexus und verbindet alle Zentren miteinander. Erst wenn der Organismus durchlässig ist und überfließend mit sexueller Energie und Lebenskraft, ist die orgastische Abfuhr total und regenerativ.

Sexuelle Praxis, die nur den kürzesten Weg der genitalen "Entladung" sucht (konventioneller Orgasmus), hat meistens auch nur kurzfristig stressreduzierende Wirkung, wird zur Sucht und hat wie jede Sucht degenerative Effekte. Die Funktion des Orgasmus ist nicht die Stressreduktion, sondern das Wiederherstellen der bio-energetischen Homöostase. Damit die Energie derart diffundieren kann, ist es erforderlich, daß vor der Lösung des Beckens auch die oberen Segmente gelöst worden sind. Von der "Funktion des Orgasmus" kann keine Rede sein, wenn die bio-energetische Pulsation im Körper infolge Panzerung nicht einheitlich, sondern fragmentiert oder zersplittert ist. Dann kann keine regenerative Entladung stattfinden, nur Entleerung. Omne animal post coitum triste est ist eine Aussage von der Position der orgastischen Impotenz.

Reichs Spannungs-Ladungs-Formel ist eine allgemeine Beschreibung des Lebensprozesses und nur bedingt gültig als Leitlinie für eine regenerative sexuelle Praxis, als die sie oft mißverstanden und zu der sie oft verkürzt wird. Das Potential unserer Sexualität geht über die "Funktion des Orgasmus" hinaus und ist mit dem Auf- und Entladungsmodell nicht hinreichend zu beschreiben.

Wieder sind es die großen spirituellen Traditionen, die Reich einiges zu sagen haben, auch und gerade was Sexualität angeht.

In den Traditionen des chinesischen Taoismus und der indischen Tantra-Schulen sowie in ihren modernen Adaptionen (37) ist die genitale Entladung eine untergeordnete und unerwünschte Form der sexuellen Erfahrung, die zugunsten einer noch lustvolleren und heilsameren Variante umgangen wird:

When exhalation and whole body relaxation and permeation is applied previous to genital discharge, there is an intensely pleasurable release of Energy to the entire nervous system and the entire body. The Life-Force is not discharged. It is allowed to permeate the organism. This not only allows the sex play to actually increase our present level of vitality (rather than decrease it, as it does in the genital discharge), but it stimulates the entire nervous system and endocrin gland system in a manner that is intensely pleasurable, ultimately regenerative in its effects on body and mind, and also compatible with continuous intuition of the Divine Reality. (38)

Taoistische, tantrische und ähnliche sexuelle Praxis scheinen Reichs orgasmuszentrierter Sichtweise überlegen, bieten die weitergehende Vision, was den Zusammenhang von Sexualität, Lebensfreude, Gesundheit und spiritueller Entwicklung betrifft. Sie haben jedoch einen Haken und sind nicht ohne weiteres praktizierbar für Normalbürger westlicher Prägung: es handelt sich weitgehend um jahrhundertelang unter Verschluß gehaltene esoterische Praktiken, die für fortgeschrittene Schüler entwickelt wurden. Sie setzen meistens ein hohes Maß an Disziplin, emotional-sexueller Reife und organismischer Lusttoleranz voraus, sowie relative Freiheit von automatischem Entladungsdrang in sexueller, emotionaler, mentaler und sonstiger Hinsicht. Mit anderen Worten: sie setzen ein gewisses Maß an Ent-Panzerung voraus.

Damit sind wir wieder bei Reich. Reich hat keine esoterischen Praktiken entwickelt, sondern eine Therapie für westlich geprägte Normal-Neurotiker, die im Prinzip alle an der gleichen Störung leiden: der zeittypischen Beschädigung ihrer emotional-sexuellen Gesundheit. Die Restaurierung der emotional-sexuellen Basisfunktionen und ihre Re-Integration in den Gesamtorganismus und die Gesamt-Persönlichkeit mag aus der Sicht eines taoistischen Meisters eine bescheidene Zielsetzung sein; für Westlich- Zivilisationsgeschädigte war und ist es ein erstes, notwendiges Etappenziel in der persönlichen Entwicklung, hinter dem zu viele zurückbleiben und über das zu wenige hinausgehen.

In diesem Sinne ist nicht nur Reichs sexualökonomische Theorie wahr; auch die darauf aufbauende Körpertherapie funktioniert im Prinzip, und zwar dann, wenn Klient und Therapeut "Spur halten" in Richtung Genitalität. Manche Autoren, die sich auf Reich berufen, nehmen es nicht mehr ganz so genau mit der Sexualökonomie. Der Zusammenhang zwischen genitaler Sexualität und psychophysischer Gesundheit wird oft relativiert (39), oder die Sexualökonomie wird allgemein bestätigt, aber im Kern relativiert, indem die Bedeutung der orgastischen Potenz abgeschwächt wird (40).

Die Ergebnisse der Therapie bleiben jedoch deutlich hinter den Möglichkeiten zurück, wenn der Orgasmusreflex sich im Verlauf der Therapie nicht herausbildet und der Klient in seinem Liebesleben niemals die Erfahrung der totalen genitalen Entladung im Sinne Reichs Definition von orgastischer Potenz macht.

Die oft unbefriedigenden Therapieergebnisse sind m. E. nicht, wie Lowen meint (40a), auf einen Mangel an Durcharbeitung der psychischen Problematik zurückzuführen, sondern auf das Fehlen eines Umfelds, welches den Prozeß des Klienten unterstützt und herausfordert. Dies wirft ein Licht auf die relative Ineffektivität von klassischer "Einzeltherapie" bei unverändertem pathogenem Umfeld und fordert uns schon lange auf, effizientere Formen von Gruppenarbeit und Community-Leben herzustellen.

Daß und warum die Therapie so oft nicht funktioniert, ist bereits an anderer Stelle (41) diskutiert worden. Ein allgemeinerer Grund dafür liegt darin, daß Reichs wissenschaftliches Paradigma von vielen Körpertherapeuten und Ausbildungsinstitutionen noch nicht nachvollzogen wird.

In seinem hervorragenden Begleitband zu Reichs Orop Wüste (42) geht Arnim Bechmann aus wissenschaftstheoretischer Sicht der Frage nach, weshalb Reich die wissenschaftliche Anerkennung versagt geblieben ist. Den Hauptgrund sieht Bechmann darin, daß sich zwei miteinander unvereinbare wissenschaftliche Paradigmen gegenüberstehen:

Die Orgonomie (im Sinne von Orgontheorie und der durch sie abgeleiteten Praxis) beinhaltet eine Deutung von Welt, die sich essentiell von der herrschenden naturwissenschaftlichen Sichtweise der Dinge unterscheidet. Diese Differenz liegt in der Behauptung von der Existenz der Orgonenergie. Reich stellt damit in seinem Werk dem naturwissenschaftlichen Paradigma seiner Zeit (das auch noch in unserer Zeit herrscht) ein neues, eigenes, andersartiges Paradigma gegenüber...

Treffen zwei Paradigmen über dem "gleichen Ausschnitt von Welt" (Objektbereich) konkurrierend aufeinander, so gibt es zunächst keine Spielregeln dafür, wie dieser Wettkampf auszutragen ist (...) Ist eines dieser Paradigmen das "herrschende" und das andere ein "Außenseiter" (gleichgültig ob ein neuer oder alter), so besetzt das herrschende Paradigma zunächst die stärkere Position...

Gemessen am herrschenden Paradigma erscheint das konkurrierende "Außenseiterparadigma" als verrückt. Und tatsächlich erscheint es ihm gegenüber auch ver-rückt: Es steht an einem anderen Ort.

Reich wurde - wie andere vor und nach ihm - vom Vorwurf, verrückt zu sein, nicht verschont. Deutet man Reichs "Scheitern in der ersten Runde" aus dieser Perspektive, so mußte dies - unabhängig vom Wahrheitsgehalt seiner Lehre - fast zwangsläufig eintreten. Denn die Orgontheorie war und ist dem herrschenden naturwissenschaftlichen Paradigma so fremd, daß dieses sich allein schon aus Gründen der Selbstbehauptung gegen sie sperren muß. (43)

Neben "der Behauptung von der Existenz der Orgonenergie" nennt Bechmann eine zweite, wesentliche Konstituante des Reichschen Paradigmas: die in der Orgonomie geforderte Art der Wahrnehmung:

Je differenzierter und subtiler wahrgenommen werden soll, um so mehr muß der Beobachter daran arbeiten, daß sein "Inneres" zum Schweigen kommt, so daß er ganz "Wahrnehmung" wird und sich vollständig auf das Beobachtete konzentriert. Dazu ist Schulung und Persönlichkeitsentwicklung erforderlich...

...Durch die Einbeziehung der emotionalen Empfindungen beim Blick auf den beobachteten Objektbereich geht die in der Orgonomie verwandte Form von Wahrnehmung deutlich über das hinaus, was im Bereich gängiger Naturwissenschaft vom Beobachter gefordert wird. Das von Reich entwickelte Wahrnehmungskonzept, das Ähnlichkeiten mit der goethischen Art des An-Schauens aufweist, kann als zweites, originäres Fundament des Reichschen Paradigmas der Orgonomie angesehen werden. (44)

Oder, mit Reichs Worten:

Um die Natur zu erforschen, müssen wir den Gegenstand der Forschung wörtlich genommen lieben. Wir müssen, in der Sprache der Orgonphysik ausgedrückt, unmittelbaren und ungestörten orgonotischen Kontakt mit dem Gegenstand der Forschung haben. (45)

Wie vieles, was auf Reich zurückgeht und vor der herkömmlichen wissenschaftlichen Auffassung keinen Bestand hat, hat auch seine Körpertherapie unverkennbare "Praxisrelevanz":

Reich hat zu Lebzeiten den Durchbruch nicht geschafft, aber sein Werk ist deshalb nicht untergegangen. Das Reichsche Paradigma verfügt nämlich über eine Waffe, die zunehmend Wirkung zeigt. Diese Waffe ist die Alltagspraxis (...)

...das orgonomische Paradigma regt zu einem Umgang mit der Welt an, der zu Wirkungen führt, die im herrschenden naturwissenschaftlichen Paradigma undenkbar sind. Zu diesen Wirkungen, die zum Teil für das alltägliche Leben bedeutungsvoll geworden sind, zählen beispielsweise

- die auf Reich zurückgehende bio-energetische Körper- und Psychotherapie

- die Wirkungen des Orgonakkumulators allgemein (...) und bei Krebs im besonderen (...)

- die Beeinflussung von lebenden Systemen und/oder dem Klima durch den "Medical DOR-Buster" und den Cloudbuster (...) sowie

- die Sanierung von Gülle, Abwasser oder Gewässern nach dem Plocher-Energiesystem"

In der heutigen Zeit, in der das herrschende naturwissenschaftliche Paradigma zunehmend in Bedrängnis gerät, "punktet" die Orgonomie auf der Praxisebene recht respektabel. (46)

Reichs Körpertherapie funktioniert jedoch nicht oder nur unzureichend, wenn man das "neue" Paradigma (Orgonenergie, energetische Grundlage der emotionalen Prozesse) nur ideell begrüßt, ansonsten aber auf Herangehensweisen und Wahrnehmungsstandards zurückgreift, die dem "alten" Paradigma zuzurechnen sind: Subjekt-Objekt-Trennung, "klinische" Haltung d.h. generelle "Behandlungs"-Haltung, vorrangig analytisch-separierendes, "diagnostisches" Wahrnehmen, therapeutisches Selbstverständnis, das durch die Berufsrolle definiert ist, therapeutische Haltung, etc.

Am stärksten kommt diese "alte" Herangehensweise in der nach wie vor üblichen Klassifikation des Klienten (z.B. "Charakterstrukturen") und der entsprechenden Zuordnung von Interventionsalternativen, Behandlungstechniken und kompletten Therapiestrategien zum Ausdruck.

Auch wenn viele "reichianische" Richtungen mittlerweile dazu übergegangen sind, solche typologischen oder symptomatologischen Klassifizierungen nicht mehr nach den psychologischen Inhalten, sondern nach den energetischen Verläufen im Körper vorzunehmen, so bleibt doch die Grundhaltung unverändert: "Diagnose" und "Behandlung" im Rahmen eines konventionellen therapeutischen Settings.

Daß genau dieses traditionelle psychotherapeutische Setting mit all seinen überkommenen Wahrnehmungs-, Handlungs- und Glaubensselbstverständlichkeiten, Heiligen Kühen und alten Zöpfen (z.B. die aus den Zeiten der Psychoanalyse mitgeschleppte Übertragungslogik, der Glaube an die Notwendigkeit von Einzelsitzungen als Standardform der Arbeit) den Möglichkeiten der Körperarbeit nach Reich entgegenwirkt, ist eine Auffassung, mit der man im Berufsfeld gefährlich lebt. Das traditionelle Setting, das alte Denken in psychotherapeutischen Kategorien und die Nachfrage nach derart strukturierter Therapie und Supervision garantiert die materiellen und oft genug auch die narzißtzischen Gratifikationen der in diesem Feld Tätigen. Wer an solchen Selbstverständlichkeiten rüttelt, löst verständlicherweise starke Reaktionen aus.

"Psychotherapy is a rotten business" schrieb Reich an Alexander Neill und sprach von den "falschen idealistischen und mystischen Konzepten der Psychologie, der Psychoanalyse und anderer Wissenschaften", die er zu überwinden hatte, um "den Weg zu jener bläschenbildenden Energie zu finden, die man im Dunkeln sehen kann"(47). Nach wie vor ist die Welt für den durchschnittlichen Psychotherapeuten - als hätte es Reich nie gegeben - eine große Psychotherapie- oder Supervisionsgruppe, deren soziales Geschehen man sich vorzugsweise familiendynamisch zu erklären hat. Wilhelm Reich, der seinen Friedrich Engels und die Dialektik der Natur und den "Anti-Dühring" kannte, wird auch die Textstelle gelesen haben, in der Engels den "gesunden Menschenverstand" einen "hausbackenen Gesellen" nennt, der innerhalb seiner vier Wände mit braver Redlichkeit zurechtkommt, den jedoch maßloses Staunen überfällt, sobald er aus diesen heraustritt.

Ähnlich muß Reich die Psychotherapie im Verhältnis zur Orgontherapie vorgekommen sein: in ihren eigenen vier Wänden kommt sie zurecht, indem sie das Lebendige psychologisiert, und sie staunt, wohin man mit ein paar tiefen Atemzügen kommen kann.

Daß es oft nicht beim Staunen bleibt, sondern in Angst, Haß und Verfolgung umschlägt, mußte Reich bekanntlich am eigenen Leibe erfahren, und seine ärgsten Feinde kamen aus den Reihen der Psychotherapeuten bzw. Psychoanalytiker.

Neben solchen auch heute noch in gleicher Schärfe üblichen interdisziplinären Reaktionen gibt es mildere Formen der Unterwanderung, z.B. das Bestreben, die Attraktivität der Körperarbeit als "frischen Wind" für die Psychotherapie auszubeuten, ohne sich auf das "neue Paradigma" einlassen zu wollen, um sich weiterhin in den gesicherten Bahnen des Psychotherapie-Spiels bewegen zu können. Dies ist eine der nervigsten Erscheinungen, mit denen man in der Ausbildung von Körpertherapeuten zu tun bekommt. Körpertherapie nach Reich und traditionelle Psychotherapie sind unvereinbar, auch wenn noch so viel von Methodenintegration die Rede ist.

 

Worin besteht therapeutisches Wahrnehmen und Handeln, das dem "neuen" Paradigma entspricht? Es handelt sich um ein Wahrnehmen, das in erster Linie nicht analytisch-separierend ist, sondern teilhabend-expansiv. Es handelt sich um die Wahrnehmung des Gesamt-Energiefeldes, das man mit einer Person oder mehreren bildet, um die Wahrnehmung der eigenen energetischen Bewegung und der Bewegung der anderen in diesem Feld. Solches Wahrnehmen ist untrennbar verbunden mit dem zugehörigen emotionalen Geschehen in diesem Feld; es ist eine fühlende emotional-sexuelle Teilhabe an den energetischen Vorgängen. Übung in dieser Art des fühlenden Wahrnehmens führt zu der Gewißheit, daß man nicht nur als abgegrenzter physischer Körper, sondern ebenso als Energiefeld existiert, welches sich zu anderen Feldern hin ausdehnt und mit diesen, wie mit der natürlichen Umwelt insgesamt, energetisch kommunizieren kann.(48)

Was Charles Kelley in Anlehnung an Reich für die Wetterkontrolle formulierte, gilt im Prinzip auch für das energetische Miteinander in der Körperarbeit und zeigt einmal mehr Reichs genialen Sinn für Basisvorgänge, die Mensch und anorganische Natur gemeinsam haben:

Zwei sich durch den Raum bewegende Orgonströme, die voneinander angezogen werden und zu einem gemeinsamen Zentrum konvergieren, bilden, vermöge ihrer Richtung am Konvergenzpunkt, eine gemeinsame Ebene...(49)

Oder Originalton Reich:

I do not think in terms of psychology, genitality, psychiatry, education, etc. I just see two orgonotic systems, energy systems, approach, superimpose, and merge energetically. Now this is our base of operation.(50)

Der Therapeut muß die energetischen Botschaften des Klienten sowie dessen Ausdrucksbewegungen und den Bewegungsausdruck verstehen können. Er lernt dies nur, wenn er bereit ist, sich energetisch mit den Klienten zu verbinden, statt sich therapeutisch abzugrenzen.

Die energetische Intimität, das gefühlte In-Verbindung-Sein, ist die Grundlage der körpertherapeutischen Arbeit und muß immer wieder scharf unterschieden werden von sentimentaler Schein-Verbindung. Energetisch verbinden kann man sich dauerhaft nur mit Zuneigung und Interesse, es funktioniert nicht als Technik. Daher muß der Therapeut in sich selbst und in jedem Klienten hinter der äußerlichen Symptomatik das Stück lebendige Natur ausfindig machen, das jeden Menschen so attraktiv und liebenswert macht wie ein Neugeborenes. Nur von dort her kann man arbeiten. Nur wenn die Berührung des Therapeuten, ob körperlich oder energetisch, in dieser naturhaften Zuneigung gründet, wird sie zur heilenden Berührung.

Die Wahrnehmung des interpersonellen Abgetrenntseins ist die (meistens unangenehme) Wahrnehmung der Ausnahme. Beim "alten" Paradigma ist es umgekehrt: im Vordergrund steht das Analytisch-Separierte und -Separierende, der gefühlte energetische Kontakt ist die Ausnahme.

Ist der Therapeut in der Lage, sich mit dem Klienten in der beschriebenen Weise zu verbinden, ist es seine Aufgabe, dem Klienten zu einer tieferen energetisch-emotionalen Präsenz und Besetzung im Organismus zu verhelfen, einen tieferen Bezugspunkt im Körper finden. Er muß den Klienten dazu - je nach Erforderlichkeit - herausfordern, ermutigen, einladen oder provozieren. Eine solche Re-Energetisierung geht üblicherweise mit starken pulsatorischen Strömungsempfindungen und Glücksgefühlen einher, die oft als neuartig und überwältigend erlebt werden. Neben allem "technischen" Know-How ist das entscheidende therapeutische Instrument hierbei die bio-energetische Verfassung und Präsenz des Therapeuten, deren bewußte Handhabung Reich Feldkontakt, orgonotischen Kontakt oder auch vegetative Identifikation nannte.

Beim Herstellen einer tieferen energetischen Präsenz im Organismus werden die entsprechenden Hindernisse und Blockierungen manifest ("Panzerung"), und damit tritt - neben der Fähigkeit, sich energetisch zu verbinden - die zweite notwendige therapeutische Qualifikation in den Vordergund: die Fähigkeit, auf die Panzerung in solcher Weise einwirken zu können, daß sie sich dauerhaft löst.

Unter welchen Bedingungen kann dauerhafte Entpanzerung stattfinden? Dazu muß man sich ansehen, wie Panzerung entsteht. Panzerung ist die fleischgewordene, sichtbare Mißbildung der frühen kindlichen Liebesimpulse, die nicht im luftleeren Raum stattgefunden hat, sondern immer in einem emotional hochgeladenen Setting, im Kontext einer - meistens frühen - defizitären, aber biographisch bedeutsamen und unentrinnbaren Beziehung. Tilmann Moser hat in seinem bekannten Zitat von den "Hochofentemperaturen der frühen Emotionen" gesprochen. (51)

Um die Panzerung zu lösen, oder - um bei Mosers Metapher zu bleiben - zu schmelzen, muß man sich in den emotionalen Hochofen begeben, Klient wie Therapeut. Die Panzerung ist im Kontext einer emotional wichtigen Beziehung "geschmiedet" worden, und sie kann nur in einem ähnlichen Beziehungs-Kontext wieder "flüssig" gemacht werden. Ähnlich, jedoch mit umgekehrtem Vorzeichen. Der Klient muß in der Krise des wiedererlebten Horrors, der wiedererlebten Verzweiflung und Scham, in der Person des Therapeuten ein existentiell wichtiges Gegenüber vorfinden, das - anders als früher - nicht haßt, sondern liebt. Diese grundsätzlich andere zwischenmenschliche Erfahrung inmitten der notwendigen Krise bewirkt die Heilung, löst die Panzerung.

Dies kann nicht geschehen, wenn dem Klienten nur eine Projektionsfläche, eine Berufsrolle gegenübersitzt, oder generell: wenn dem Klienten nur eine "therapeutische" Beziehung angeboten wird.

Zutreffend formuliert es Michael Meiffert:

Der Klient braucht ein reales Gegenüber, das aufmerksam macht auf die ängstliche Zwanghaftigkeit im Aufrechterhalten seiner sozialen Maske. Aufmerksam macht nicht auf Grund technischer Uberlegungen, sondern gefühlter, schmerzvoller Trennung.

Der Klient braucht ein reales Gegenüber, das ihn begleitet bei der Begegnung mit den Impulsen aus der zweiten Schicht der Persönlichkeit. Ein Gegenüber im Zorn, einen realen Anker in Angst und Verwirrung, einen mitfühlenden Verbündeten und Zeugen in der Auseinandersetzung mit den wieder Fleisch gewordenen Erinnerungen an erfahrene Gewalt, Beschämung, Ignoranz und Kälte in der Kindheit.

Der Klient braucht ein reales, bejahendes Gegenüber für die einfachen, ungebrochenen Impulse und Emotionen aus dem biologischen Kern der Persönlichkeit. (52)

Meiffert kritisiert zurecht den Übertragungskult der herkömmlichen psychotherapeutischen Lehrmeinung, die Etablierung des therapeutischen Kontakts als Pseudokontakt, als für die Körperarbeit verzichtbares und hinderliches Modell:

Vom körpertherapeutischen Blickwinkel aus gesehen hat Übertragung selbstverständlich etwas mit Panzerung zu tun, das Vorhandensein von Panzerung ist die Voraussetzung dafür, daß so etwas wie Übertragung überhaupt entstehen kann. Durch die in primärer und sekundärer Sozialisation entwickelte Panzerung werden Impulse aus dem biologischen Kern im Ausdruck behindert, die Qualität dieser Impulse ändert sich beim Durchdringen der Panzerung. Ein Liebesimpuls mag plötzlich mit Angst oder Mißtrauen durchsetzt sein, Sehnsucht mit einem Gefühl von Scham oder Aussichtslosigkeit, statt heißen Zorns ist es möglich, daß nur noch Zynismus oder Verachtung, vielleicht sogar nur ein kaltes Lächeln zur Oberfläche durchdringt. (...)

In einem körpertherapeutischen Ansatz ist es nun möglich, direkt am somatischen Urgrund dieser Phänomene anzusetzen. Es ist nicht notwendig, die Übertragung als Hebel des therapeutischen Prozesses zu kultivieren und zu nutzen, vielmehr ist es möglich über die energetisch, körperliche Arbeit an der Panzerung, den Impulsen aus dem biologischen Kern der Persönlichkeit zum ungehinderten Ausdruck zu verhelfen und die Übertragung aufzulösen. (...)

Anstelle der Übertragungsdynamik wird die energetische Arbeit als Motor der Therapie genutzt, der Kontakt zwischen Therapeut und Klient muß nicht mehr als Verstärker der Ubertragungsneurose instrumentalisiert werden. Der Therapeut muß seinem Gegenüber nicht länger als gesichtsloses Gegenüber erscheinen, sondern darf und muß sich als Mensch auch in seiner unvollkommenen Menschlichkeit zeigen. Auf diese Weise ist es nicht nur möglich, die Asymmetrie in der therapeutischen Beziehung auf ein Minimum zu reduzieren. es wird nun auch möglich und notwendig, den Kontakt zwischen Therapeut und Klient auf neue Weise zu nutzen. (53)

Allerdings werden die Anforderungen an die Therapeuten und ihre Ausbildung dadurch nicht geringer, im Gegenteil. Ein Körpertherapeut, der sich auf Reich beruft, muß nicht nur im Sinne des "neuen" Wahrnehmungsparadigmas "umgelernt" haben und - meistens nach langer eigener Therapie - der Welt mit fühlender Wahrnehmung begegnen können, er muß auch die besondere Form der Panzerung hinter sich gelassen haben, die durch narzißtische Identifikation mit dem Therapeut-Sein entsteht. Er muß wieder und wieder die persönliche Begegnung riskieren und das Paradox leben können, daß darin besteht, daß er in den entscheidenden Momenten der Therapie von der Vorstellung lassen kann, ein "Therapeut" zu sein und einen "Patienten" vor sich zu haben. Seine notwendige Autorität muß bio-energetisch fundiert sein und nicht konzeptionell bedingt, nur auf Wissen und Gelehrigkeit beruhen.

Erst wenn diese Grundvoraussetzungen gegeben sind, ist ein Therapeut in der Lage, das umfangreiche Instrumentarium der Arbeit, die "Techniken", sinnvoll, d.h. panzerlösend einzusetzen.

 

Die allgemeine Gebrauchsanleitung für das Handwerklich-Technische in der Körpertherapie liefert Reich mit der Beschreibung der "Viertakt-Lebensformel" und der Beschreibung der segmentären Anordnung der Panzerung.

Praktische Hinweise sind jedoch spärlich und über verschiedene Schriften verstreut. Reich hat aus gutem Grund keine konkrete Technologie der Körpertherapie entworfen und unterscheidet sich damit deutlich von zahlreichen Autoren in seiner Nachfolge, die mit langen Zuordnungslisten von Symptomen und Charakterstrukturen einerseits sowie Interventionsmöglichkeiten (z.B. "Druckpunkten") und therapeutischen "Haltungen" andererseits die typischen "Kochbücher" kreiert haben und damit der Versuchung erlegen sind und der Gefahr Vorschub geleistet haben, aus dieser lebendigen Kunst eine mechanische Verfahrensvorschrift zu machen.

Daß Reichs Arbeit viel mit Kunst zu tun hat, wurde bisher wenig beachtet. Wie viele große Wissenschaftler war Reich selbst musisch gebildet und interessiert. Al Bauman erzählt, daß er in launigen Momenten alle Fenster in Orgonon aufriß und vehement in die Tasten seiner Orgel griff. Beiläufig, aber nicht zufällig, vermutet Reich in der Panzerung des Brustsegments die bio-energetische Ursache der Unmusikalität. (54) Er kannte sich aus in der persischen Poesie des 11. Jahrhunderts und schrieb selbst Gedichte, von denen er einige vertonen ließ. (55)

Die Schnittstelle zur Kunst liegt in Reichs Arbeit in der eben schon beschriebenen "orgonotischen Wahrnehmung", die viel gemeinsam hat mit der künstlerischen, "rechtshemisphärischen" Wahrnehmung. Viele Bilder van Goghs weisen verblüffende Ähnlichkeiten mit der beobachtbaren Bewegung des eigenen Energiefeldes auf. Große Theaterlehrer wie Stanislavski, Strasberg, Grotowski und vor allem Michael Tschechow (56) weisen eine deutliche Verwandtschaft zu Reich auf. Und das von Al Bauman entwickelte und von Miriam Kaufmann (57) fortgeschriebene "Streaming Theatre" ist weit mehr als "nur" eine kongeniale Ergänzung der Vegetotherapie und kann transformierende, charakterologische Veränderungen bewirken. Schließlich sei erwähnt, daß Körperarbeit nach Reich schon immer von Musikern, Schauspielern, Malern und anderen "Kreativen" als Therapie und Fortbildung gesucht wurde.

Künstlerische Wahrnehmung ist in erster Linie nicht analytisch-beobachtend, sondern erlebend, meditativ, in Verbundenheit mit ihrem Gegenstand. Elisabeth Haich beschreibt eine Meditationsübung (58), bei welcher die Novizen solange einen Baum meditieren mußten, bis sie sich in ihrem Bewußtsein nicht mehr vom Baum unterscheiden konnten und absichtlich zwischen beiden Zuständen hin- und herpendeln konnten.

Ähnlich muß die Basisqualifikation des Körpertherapeuten sein. Wenn er zu Anfang lernt, den Klienten zu meditieren, statt nur zu beobachten, ist er gefeit gegen bestimmte typische Mißverständnisse, durch die Reichs lebendige Körperarbeit schnell auf ein totes Gleis gebracht werden kann, als da wären:

a) die mechanische Anwendung der "Lebensformel" im Sinne einer Auf- und Entladungs-Gymnastik. Entladung um jeden Preis war die typische Kinderkrankheit der "Reichianischen Körperarbeit" und wurde das Credo vieler Körpertherapeuten. Der Ausdruck zurückgehaltener Emotionen bzw. die Entladung akkumulierter pathogener Energiebeträge, ist in weiten Bereichen der Therapie sinnvoll und not-wendig. Es gibt aber auch Klienten, bei denen die therapeutische Forderung nach Ausdruck und "Entladung" schädlich ist. Z.B. leiden die in der klassisch-psychotherapeutischen Terminologie als "oral gestört" Bezeichneten unter der Grundschwierigkeit, daß sie keine Ladung aufbauen bzw. halten können. Sie sind zur Peripherie hin schwach. Das zugehörige psychologische Korrelat: sie jammern, klagen, resignieren. Energetisch betrachtet: sie "laufen aus". Solche Klienten müssen meistens mühsam und langsam lernen, Ladung zu halten und sich damit wohl zu fühlen. Hier gibt es nichts zu entladen; die Arbeit besteht im Gegenteil lange Zeit darin, solchen Menschen zu helfen, Strukturen, ja sogar "Panzerung" aufzubauen.

Man kann aus Reichs "Lebensformel" einen weiteren "Viertakt" herleiten, der mit verschiedenen Bewegungs- und Zustandsarten der Energie im Organismus zu tun hat: 1. Erzeugung von Ladung, 2. Halten (und in Umlauf bringen) von Ladung, 3. Form und Ausdruck finden, 4. in Beziehung zur Welt treten.

Wir alle sind in der einen oder anderen Weise, mehr oder weniger, defizitär. Die einen haben keine Mühe, Ladung zu generieren, sind aber im Ausdruck gehemmt oder behindert. Andere sind partiell hochgeladen und partiell anorgonisch, ohne diffundierende innerorganismische Energiebewegungen. Wieder andere haben entwickelte Kontaktfunktionen, sind aber energie- und kraftlos damit, usw.

Entladung als generelles therapeutisches Ziel ist, wenn überhaupt, nur dann angemessen, wenn hochgeladene Ausdruckstendenzen blockiert sind.

b) die mechanische Arbeit mit den Segmenten. Mit der Formulierung des Konzepts "Panzerung" und der Entdeckung ihrer segmentären Anordnung hat Reich einen bio-energetischen, naturgesetzlichen Bezugsrahmen geschaffen, in dem sich die ganze körpertherapeutische Kunst entfalten kann.

Allerding muß man sich hüten, Reichs Vorgabe zu wörtlich zu nehmen. Eine einfache Gebrauchsanleitung kann es nicht geben: die Panzerung wandert, trickst, ist ein gerissener Gegner, der mit Klauen und Zähnen ums Überleben kämpft und nie wirklich kooperiert.

Die Lösung der Segmente kann man selten in der logischen und gesetzmäßigen Reihenfolge beobachten oder erleben, in der man sie in der "Charakteranalyse" beschrieben findet; diese läßt sich oft erst am Ende eines langen Prozesses erkennen und zurückverfolgen. Im gleichen Maße, wie der Therapeut energetische Intimität mit dem "Kern" des Klienten herstellen muß, muß er Distanz halten können zum Verwirrspiel der phänomenologischen Symptomatik. Reichs Entdeckung der segmentären Anordnung der Panzerung und der gesetzmäßigen Abfolge ihrer Auflösung gibt nichts her für ein Kochbuch. Wenn man an der Lösung eines Segments arbeitet, hat man immer mit allen Segmenten, dem gesamten Organismus, dem ganzen Menschen zu tun.

Man beginnt z.B. oft mit den Augen, das ist (meistens) verläßlicher Standard, und findet sich plötzlich im Kreuzbein, in den Adduktoren, in der Halswirbelsäule - werweißwo - wieder, und hat gleichzeitig mit der zugehörigen psychischen Dynamik zu tun. Trotzdem geht es immer noch um das Augensegment als Bezugsrahmen, zu dem man wieder und wieder zurückkehrt. Die Reduktion eines Stücks Panzerung in einem Segment ist immer verbunden mit einer Rundreise durch den ganzen Körper und einem Sich-Hindurchbewegen durch die ganze Biographie, die gesamte frozen history. Im Verlauf einer geglückten Therapie hat man sich auf diese Weise viele Male durch sämtliche Segmente bewegt, oft in unvorhersehbarer Weise, hin und her, kreuz und quer, durch Verzweiflung und Langeweile, Euphorie und Mordlust, Gier und Skepsis, Arroganz und Scham, und hat trotzdem "Spur gehalten", ist vom Kopf ins Becken gekommen. Dies erfordert einen langen therapeutischen Atem und vor allem persönliche Erfahrung mit dem whole thing.

Körperarbeit nach Reich stellt hohe Anforderungen an die Therapeuten, in fachlicher und persönlicher Hinsicht. Sie taugt nicht für Trainees, die sich nur beruflich "fortbilden" wollen. Der Prozeß der Ausbildung stellt immer wieder die gesamte Charakterstruktur infrage und ist nichts für Sicherheitsstrategen, die mit gestaffelter Deckung eine Methode erlernen und Therapeut spielen wollen.

Die Arbeit führt oft zu ungekannten, ekstatischen körperlichen Erfahrungen, aber sie erschüttert auch in schmerzlicher und subjektiv bedrohlicher Weise jede Lebenslüge, jeden neurotischen Kompromiß, in dem man sich eingerichtet hat. Berufsspezifisches Expertentum ist nicht gefragt; einschlägige akademische Vorbildung z.B. ist keine notwendige Voraussetzung und oft sogar hinderlich. Die Arbeit kann von jedem ausgeübt werden, der sich ernsthaft dafür interessiert, ein Gespür für die energetisch-emotionalen Vorgänge inner- und außerhalb des Organismus hat und andere Menschen gerne berührt. Die Basisinterventionen sind einfache, zwischenmenschliche Handlungen wie Anschauen, Berühren, Halten. "The privileg to sit down with somebody", wie es Michael Smith formulierte, ist nicht das Privileg behandlungstechnischer Spezialisten. Reichs Körperarbeit, so einfach wie sie im Grunde ist, ist ein großes Geschenk und Vermächtnis an alle.

 

Was tun mit Reichs Vorgabe? Verführerisch ist der Weg in die Sackgasse: "Reichianer" zu werden, ist in der ersten Zeit der inspirierten Rezeption der naheliegende, aber langfristig unkreative mentale Reflex. Das "wachsende Ende" jeder etablierten Richtung sind immer nur die konkreten, lebendigen Menschen, die das Vorgefundene mit dem Aspekt ihrer Person verbinden, den Reich als "dritte Schicht" beschrieb. Nur so kann verhindert werden, daß "wahre Lehren" entstehen, um die sich die entsprechenden Charaktere gruppieren.

Nach Reichs Tod haben sich - wie immer seit Adam und Eva - die typischen Nachfolgestrukturen herausgebildet: die Orthodoxen belächeln die Spontis, die Intuitiven sehen auf die Wissenschaftlichen herab, die Fundamentalisten haben ihre Realos und umgekehrt, und die Integrativen rühren alles zu einem faden Brei. Und so weiter und so fort. Dieses übliche, alberne und unvermeidliche Hick-Hack demonstriert das Phänomen, das Reich im Ansatz beschrieben hat, aber ebensowenig transzendieren konnte, wie man sich selbst am Schopf aus dem Morast ziehen kann: Panzerung.

Mit der Entdeckung der Orgonenergie und der Beschreibung der Struktur der Panzerung hat Reich zwei landmarks eingeschlagen, die noch vielen Generationen - nicht nur in der Körperarbeit - den Weg weisen werden.

Reichs geniales und sehr weit gefaßtes Konzept "Panzerung" hat jedoch einen entscheidenden Schwachpunkt: die Herkunftsfrage, die Reich selbst, wie eingangs bemerkt, offen lassen mußte.

Reich sieht das Neugeborene ausschließlich als tabula rasa, als unschuldiges Bündel kosmischer Lebensenergie, das sich nach und nach panzern muß, um überleben zu können.

Reich schleppt hier Freudschen Ballast mit. Freuds Sichtweise des Ich-Konflikts zwischen Triebansprüchen und gesellschaftlich-normativen Forderungen war zu seiner Zeit erhellend und innovativ, kann für uns heute aber nicht mehr das universelle Denkmodell der Pathogenese sein und hat einen stark eingeschränkten Gültigkeitsbereich. Neugeborene sind nur an der Oberfläche charakterlich unbeschriebene Blätter; sie bringen eine Menge mit - sich selbst, die Tiefenpersönlichkeit, die sich durch die Inkarnationen hindurch erhält und wandelt. Wir haben keinen Grund, an diesen karmischen Zusammenhängen zu zweifeln.

Die Praxis der auf Reich beruhenden Körperarbeit führt notwendigerweise dahin, daß unsere herkömmlichen Auffassungen von der individuellen menschlichen Existenz als separierter Einheit in Frage gestellt werden. Sobald die identitätsbestimmenden Blockierungen der Persona der gegenwärtigen lifetime aufgeweicht sind, eröffnen sich Arbeitsfelder für die Körper- und Energie-Arbeit, die über Reich hinausweisen und über die beizeiten an anderer Stelle ausführlicher zu reden sein wird.

Ebenso weist der Begriff "Panzerung" über seinen Schöpfer hinaus. Avatara Adi Da spricht von der self-contraction und dem vital shock an ihrem Ursprung: das unendliche Bewußtsein wird sich im Prozeß der Formbildung seiner endlichen Form bewußt, die es angenommen hat.(59)

 

Am Ende ist Reich - der ausgezogen war, die Psychoanalyse zu untermauern - bei der Erforschung der Wüstenbildung angekommen. Er stellt einen frappierenden Zusammenhang her zwischen der äußeren Wüste und der inneren, emotionalen Wüste im Menschen:

Wüsten beruhen auf natürlichen Funktionen, die eine Austrocknung der Atmosphäre und des Bodens bewirken, das heißt Leben vernichten. Der Mensch wäre jedoch in der Lage gewesen, die Wüste zu besiegen und der Wüstenbildung Einhalt zu gebieten, hätte er nicht selbst einen seine emotionale Struktur prägenden Prozeß durchgemacht, den wir als "EMOTIONALE WÜSTE" bezeichnen werden. Der Mensch selbst ist dafür verantwortlich, ob die Wüste sich ausbreitet oder ob sie aufgehalten wird. Der Mensch verfügt heute über die wissenschaftlichen und auch über die technischen Mittel, um die Wüstenbildung zu bekämpfen, ja sogar um existierende Wüsten wieder in üppiges Grünland für Mensch und Tiere zu verwandeln...

Die Entstehung äußerer Wüsten korrsdpondiert mit der emotionalen "Verwüstung" unserer Kinder vor und nach ihrer Geburt, das war schon immer so und reicht weit hinter die überlieferte Geschichte der Menschheit zurück. Sowohl die äußere als auch die innere Wüste resultieren aus einem Prozeß des Schrumpfens und Absterbens der "Vitalität", das heißt der Immobilisierung biologischer Energie. (60)

Solche Belege für den stringenten inneren Zusammenhang, der Reichs Gesamtwerk ebenso prägt wie sein unermüdliches leidenschaftliches Eintreten für die Umwandlung der inneren Wüste in "üppiges Grünland", sind die stärksten Argumente, mit denen man der Diskreditierung des angeblich verrückten Reich entgegentreten kann.

Reichs Werk, das sich über so viele wissenschaftliche Disziplinen ausdehnt und so viele verschiedenste große Themen anpackt, zielt doch immer nur auf die eine Vision ab: daß wir zu einem anderen Umgang miteinander fähig werden als zu dem, der aus der "Panzerung" entspringt.

Mit solcher kompromißlosen Auffassung von Freundschaft und Liebe stand Reich nicht immer allein da. Alexander S. Neill, einer der wenigen Freunde Reichs und über den Verdacht erhaben, ein "Follower" zu sein, gibt 1956 in einem Brief an Reich ein beeindruckendes Beispiel: vor die Wahl gestellt, sich angesichts der im Magazin Core abgedruckten Ufo-Thesen Reichs für die herkömmliche Denkweise (das alte Paradigma) oder die Beziehung zu Reich zu entscheiden, entscheidet er sich für letztere:

Wenn ich nie von Reich gehört und Core als erstes von ihm gelesen hätte, dann wäre ich zu dem Schluß gekommen, daß der Autor entweder meschugge sei oder aber der größte Entdecker seit Jahrhunderten. Da ich weiß, daß Du nicht meschugge bist, muß ich die andere Möglichkeit gelten lassen. (61)

Das gegenwärtig stark anwachsende öffentliche Interesse an Reich ist vor allem ein Interesse am technisch-apparativen Aspekt seines Werkes (Orgon-Akkumulator, Cloud-Buster, Medical DOR-Buster). Dies soll uns nicht davon ablenken, daß wir beim jungen wie beim alten Reich hinter seiner gigantischen Forschung immer nur die einfache Frage finden, wie menschliche Beziehungen im Einklang mit ihrer tiefsten bio-energetischen Natur gelebt werden können.

Reich hat uns gelehrt, einen Blick in diese Tiefe zu werfen und hat uns die ersten Schritte hinuntergeführt - tief genug, um zu erkennen, daß hinter all den Schrecken und Gefahren des Weges eine Wahrheit verborgen ist, die es lohnt, unterwegs zu bleiben.

 

Anmerkungen

(1) Wilhelm Reich Cosmic Superimposition, Farrar, Straus and Giroux, New York, 1979

Why was man the only animal species to develop an armor?" (S. 287) Und weiter: Still, the question of how the human animal as the only animal, alone among the animal species, became armored remains with us, unsolved, overshadowing every theoretical and practical step in education, medicine, sociology, natural science, etc. No attempt is made here to solve this problem. It is too involved. The concrete facts which possibly could provide an answer are buried in a much too distant past; reconstruction of this past is no longer possible. (S. 289)

(2) Wilhelm Reich, Äther, Gott und Teufel, Nexus Verlag, Frankfurt/Main, 2. Auflage, 1984, S. 128

(3) zitiert nach: Mann & Hoffman (7)

(4) W.Y. Evans-Wentz Das Tibetanische Totenbuch, Walter Verlag, Olten,1982

(5) Da Free John Easy Death, The Dawn Horse Press, Clearlake, 2. Auflage, 1991,

(6) Wilhelm Reich Man's Roots in Nature, in: Orgonomic Functionalism, Vol. 2, The Wilhelm Reich Museum, Rangeley/Maine, 1990

(7) W.Edward Mann & Edward Hoffman Wilhelm Reich, The Man Who Dreamed of Tomorrow, Crucible, Wellingborough, 1990

(8) Wilhelm Reich Christusmord, Ullstein, Frankfurt/Main 1983

(9) Ola Raknes Life and Religion, in: David Boadella (Hrsg.): In the Wake of Reich, Coventure, Boston, 1991

(10) Theodore P. Wolfe Emotional Plague Versus Orgone Biophysics, 1948, zitiert nach: De Meo, s. (16)

(11) Jürgen Fischer Lebensenergie aus der Atmosphäre, Worpswede, 1996

(12) James Steinberg Divine Distraction, The Dawn Horse Press, Clearlake, 1991

(12a) Da Avabhasa The Knee of Listening. The Dawn Horse Press, Clearlake, 1992

(13) Da Free John The Adept, Selections from Talks and Essays on the Nature and Function of the Enlightened Teacher, The Dawn Horse Press, Clearlake, 1984

(14) Wilhelm Reich Alone, (audio tape), The Wilhelm Reich Museum, Rangeley/Maine, 1995

(15) Albert Einstein Worte in Zeit und Raum, Herder, Freiburg, 1991, S. 73f.

(16) Daß Galilei und Reich nur prominente Beispiele einer bis heute fortlaufenden Geschichte der Unterdrückung unliebsamer Wissenschaft sind, belegt James DeMeo in seinem Buch Der Orgonakkumulator. Ein Handbuch, Zweitausendeins, Frankfurt am Main, 1994

(17) Ilse Ollendorf Wilhelm Reich, Peter Reich Der Traumvater, Myron Sharaf Der heilige Zorn des Lebendigen, Alexander Neill-Wilhelm Reich Zeugnisse einer Freundschaft, Ola Raknes Wilhelm Reich und die Orgonomie, Alexander Lowen Bio-Energetik

(18) Wilhelm Reich Charakteranalyse, Kiepenheuer und Witsch, Köln, 1989, S. 482:

Der Orgasmusreflex ist mit samt seinem Gebärdenausdruck der Hingabe, wie's sich bald zeigen wird, der Schlüssel zum Verständnis von fundamentalen Naturprozessen, die weit über das Individuum und sogar über das Lebendige hinausführen.

(19) Wilhelm Reich Die Funktion des Orgasmus, Fischer, Frankfurt/Main, 1985, S. 13

(20) Wilhelm Reich Die Funktion des Orgasmus, S. 13

(21) Wilhelm Reich Die Funktion des Orgasmus, S. 78

(22) Wilhelm Reich über Sigmund Freud (Deutsche Übersetzung von Reich Speaks of Freud), Raubdruck, o.J.

(23) Wilhelm Reich Leidenschaft der Jugend, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1994, S. 87f.

(24) Wilhelm Reich The Silent Observer, in: Orgonomic Functionalism, Vol. 1, 1990

(25) Myron Sharaf Wilhelm Reich. Der heilige Zorn des Lebendigen, Simon und Leutner, Berlin, 1994, S. 197

(26) Wilhelm Reich über Sigmund Freud, S. 77, und weiter:

Wenn ich vom Standpunkt der späteren Entwicklung es von Elend und Unglück für mich selbst und meine Lieben betrachte, wünschte ich, ich hätte nie versucht, die sozialistische Bewegung fortschrittlicher zu gestalten. Nichts verschaffte mir tödlichere Feinde, nie war mein Leben, meine Freiheit, mein Glück stärker bedroht als durch diese Bewegung, die von Befreiern geführt wurde, die die Gesetze der verantwortlichen Freiheit nicht kannten.

(27) Wilhelm Reich The Developmental History of Orgonomic Functionalism, in: Orgonomic Functionalism, Vol. 1, The Wilhelm Reich Museum, Rangeley/Maine, 1990, S. 9, und vorher:

Ideas may come and go. Their existence depends on the state of motion of the body's energy...

Functionalism, which later led to the discovery of the cosmic orgone energy,(...)concentrated its attention on the depencdency of psychic contents - ideas, conflicts, experiences, etc. - on the energy state of the organism. Excessive mother fixation in a child, for example, now appeared as an expression of "pent-up drive" or "energy stasis" i.e. it corresponded to a disturbance in the release of energy by the organism. This theory was confirmed clinically inasmuch as the conflict was resolved when the capacity for the orderly discharge of energy was restored. A genitally pent-up child clings orally to the mother. A genitally gratified child does not cling to the mother but has playmates of its own age...

In order to clarify this contrast between simplicity at the deep biological level and complexity at the superficial psychic level, one need only think of the infinite abundance and variations of psychotic and neurotic experiences. However, this profusion of experiences is based on one energy-related fact, namely, the stasis of sexual-biological energy.

(28) Wilhelm Reich The Developmental History of Orgonomic Functionalism, S. 4

(29) Wilhelm Reich The Developmental History of Orgonomic Functionalism, S. 3 f.

(30) Elsworth Baker Der Mensch in der Falle, Kösel, München, 1980, S. 44

(31) Wilhelm Reich Charakteranalyse, S. 485f.

(32) Wilhelm Reich Die Massenpsychologie des Faschismus, Kiepenheuer und Witsch, Köln, 1986, S. 11 f.

Und an anderer Stelle:

...Ich weiß nicht, ob Sie mit dem orgonomischen Bild der Struktur des menschlichen Charakters vertraut sind - dem "Kern", der "mittleren Schicht" und der "Peripherie".

Das verschafft einem ein sehr praktisches Werkzeug für die Arbeit mit Patienten. Es ist ein bio-energetisches Werkzeug. Man kann den menschlichen Charakter nicht mit psychoanalytischen Mitteln erfassen. Man muß die Charakteranalyse und die Orgontherapie anwenden. Menschliche Wesen leben äußerlich emotional, in ihrer äußeren Erscheinung. Richtig? Um zum Zentrum zu gelangen, wo das Natürliche, das Gesunde liegt, muß man die mittlere Schicht durchdringen. Und in dieser mittleren Schicht ist Schrecken, nicht nur das&emdash;auch Mord. Alles das, was Freud unter dem Begriff des Todestriebes zusammenzufassen versuchte, findet man in dieser mittleren Schicht. Er glaubte, das sei biologisch bedingt. Aber das stimmt nicht. Es ist ein künstliches Produkt der Kultur. Es ist eine strukturelle Bösartigkeit des menschlichen Wesens. Deshalb muß man durch die Hölle gehen. bevor man das erreicht, was Freud Eros nannte, und was ich orgonotische Strömung oder plasmatische Erregung nenne (die grundlegende Plasmaaktion des bioenergetischen Systems). Durch die Hölle muß man! Das gilt sowohl für den Arzt als auch für den Patienten. In dieser Hölle ist Verwirrung, schizophrener Zusammenbruch, melancholische Depression. All das. Ich habe es in "Charakteranalyse" beschrieben. Ich brauche es hier nicht zu wiederholen. Aber warum sprechen wir überhaupt von der Lebenskraft? Es gibt nur einen Grund: um Ihnen zu zeigen, warum niemand sich daranwagte oder versuchte, das biologische Zentrum zu erreichen, womit ich mich derzeit beschäftigte. Bevor man dieses Zentrum erreichen kann, muß man sich mit Haß, Schrecken und Mord konfrontieren. Alle diese Kriege, all das Chaos jetzt&emdash;wissen Sie, was das für mich ist? Die Menschheit versucht, ihr Zentrum wiederzugewinnen, ihr lebendiges, gesundes Zentrum. Aber bevor es erreicht werden kann, muß die Menschheit diese Phase des Mordes, des Torschlags und der Zerstörung überwinden. Das, was Freud den Destruktionstrieb nannte, findet man in der mittleren Schicht. Ein Stier ist verrückt und zerstörungswütig, wenn er frustriert wird. Mit den Menschen ist es genauso. Das heißt, bevor man zu den wahren Dingen gelangt&emdash;Liebe, Leben, Rationalität&emdash;muß die Hölle durchschritten werden. Das ist von großer Tragweite für die gesellschaftliche Entwicklung. Ich möchte jetzt nicht näher darauf eingehen, aber ich wollte erklären, warum die Psychoanalytiker sich&emdash;unbewußt&emdash; weigerten, sich mit meiner Arbeit auseinanderzusetzen. Wenn ich die Konsequenzen voll erkannt hätte, hatte ich selbst die Finger davon gelassen. Ich will nicht überheblich sein, verstehen Sie. Damals hätte ich die Finger davon gelassen. Heute kann ich das nicht mehr. Die Brücken hinter mir habe ich abgebrochen. Wenn ich zurückschaue, begreife ich es. Es ist sehr gefährlich.(32a)

(32a) Wilhelm Reich über Sigmund Freud S.72f.

(33) Wilhelm Reich, Äther, Gott und Teufel, S. 59f.

(34) Wilhelm Reich Charakteranalyse, S. 330f.

(35) William Blake The Marriage of Heaven and Hell, o.J.

(36) siehe (22)

(37) z.B. Alice Bunker Stockham Karezza; John Humphrey Noyes Male Continence.

(38) Da Free John Love of the Two-Armed Form, The Dawn Horse Press, Clearlake, 1985, S. 240, dort auch:

Sexuality has long been used as a traditional means of achieving salvation, most prominently in the Chinese Taoist and Indian Tantric schools. The Taoist sexual tradition flourished in the beginning of the Christian era. Taoist masters had a positive orientarion to sexuality, not primarily for the sake of pleasure, but as a device for achieving health and immortality. They believed that the vital essence is stored in the sex organs of the male and female (the opposite poles of energy in Nature). The male sought ro acquire the energy of the female through her orgasm during intercourse, and, through the prevention of his own ejaculation, the vital essence was thought to be transmuted into an alchemical substance that eventually moved up the spine to the brain. This process was intended to imbue the brain with Eternal Life Energy and to endow the practitioner with extended life and increased vitality. Ultimately, Taoists believed that this process enabled them at death to assume an astral or light body and therefore to live as an immortal in the astral worlds.

(Some women learned this process and thus worked to prevent their own orgasm while absorbing the male energy, but, in general, the practice was learned by men, who did not instruct their female partners, but, on the contrary, encouraged their orgasm, in order to acquire their energy. )

The Indian Tantric tradition of sexuality began much later, probably around 600-700 A.D. in northeast India, according to the most informed speculations and probably under the influence of Taoist ideas. The almost invariably male Tantric yogis like the Taoists who influenced them, transformed the sexual act by manipulating the orgasm, so that the semen was retained and supposedly sent upward along the spinal line to the brain. There was a wide range of approaches within the Tantric tradition, and some of them sought bodily immortality and held a philosophical point of view similar to that of the Taoist practitioners. Most of the Hindu Tantrics, however, unlike the Taoists, had an essentially negative orientation to sexuality and bodily existence altogether. This was perhaps due to the ascetic influence of Buddhism. The more ascetic purpose of Tantric yoga was to use the energy of the sexual act to intensify the inversion and upward-turning of attention in order to realize subtle conditions that transcend this gross world. Such yogis did not seek to immortalize the body, but to transcend it by attaining a higher, subjective, inward condition that they presumed to be the Divine Plane or God-World. Later developments of most schools of Tantric practice extended this asceric approach toward achievement of the complete internalization of the sexual process through the techniques of yoga and meditation. In the later schools, literal sexual practice was abandoned, and practitioners sought to internalize the yogic process completely through physical and meditative techniques (The schools of hatha yoga and kundalini yoga are, among others, the modern and ascetic evidence of the more ancient and body-positive Tantric tradition.)

(39) Siehe z.B. die Beiträge von Alexander Lowen und Tage Philipson in: David Boadella In the Wake of Reich, siehe (9)

(40) Frederico Navarro Die sieben Stufen der Gesundheit. Eine psychosomatische Sicht der Krankheit, Bd. 2, Nexus, Frankfurt am Main, 1988, S. 86:

Der Orgasmus darf nicht auf Lust reduziert werden, sondern eher auf Freude im umfassenden, vollen Sinn dieses Wortes...

(40a) Alexander Lowen Reich, sex and orgasm in: David Boadella (Hrsg.) In the Wake of Reich, siehe (9)

(41) Loil Neidhöfer Genitalität und genitale Angst, SKAN READER 3/95

(42) Wilhelm Reich Orop Wüste, Zweitausendeins, Frankfurt a.M., 1995

(43) Arnim Bechmann Über Wilhelm Reichs Orop Wüste, Zweitausendeins, Frankfurt a.M.,1995, S. 32f.

(44) Arnim Bechmann Über Wilhelm Reichs Orop Wüste, S. 54f.

(45) Wilhelm Reich Äther, Gott und Teufel, S. 65

(46) Arnim Bechmann Über Wilhelm Reichs Orop Wüste, Zweitausendeins, S. 34f.

(47) Zeugnisse einer Freundschaft. Der Briefwechsel zwischen Wilhelm Reich und A.S. Neill 1936-1957, Kiepenheuer und Witsch, Köln 1986, S. 278

(48) siehe auch: Da Free John Look at the Sunlight on the Water, The Dawn Horse Press, Clearlake, 1987, S. 28f.

(49) Charles R. Kelley Eine neue Methode der Wetterkontrolle, Plejaden, Berlin, 1985

(50) Wilhelm Reich Man's Roots in Nature in: Orgonomic Functionalism, Vol. 2, 1990, S. 51

(51) Tilmann Moser (Bericht vom 1. Europäischen Kongreß für Körper-Psychotherapie - ca. 1989 - in der FAZ ; dem Verfasser abhanden gekommen/ Manuskript erhältlich über die Feuilleton-Redaktion der FAZ)

(52) Michael Meiffert Übertragung-Gegen-Übertragung, Gedanken zur therapeutischen Beziehung, in: Energie & Charakter, 12/95, S. 104f.

(53) Michael Meiffert Übertragung-Gegen-Übertragung, Gedanken zur therapeutischen Beziehung, S. 104

(54) Wilhelm Reich Die Ausdruckssprache des Lebendigen, in (10), S. 470ff.

(55) Video-Interview mit Al Bauman, unveröffentl., 1989

(56) Michael Tschechow Werkgeheimnisse der Schauspielkunst, Werner Classen Verlag, Zürich und Stuttgart, 1988, und: Michael Chekhov Lessons for the Professional Actor, Performing Arts Journal Publications, New York, 1992

(57) Auch ein steifer Charakter muß mal die U-Bahn kriegen, Miriam Kaufmann im Gespräch mit Michaela Simon, SKAN READER 2/94

(58) Elisabeth Haich Einweihung, Drei-Eichen-Verlag, Engelberg + München, 1982

(59) Franklin Jones (Avatara Adi Da): The Method of the Siddhas. Talks with Franklin Jones on the spiritual technique of the Saviors of mankind , The Dawn Horse Press, Los Angeles, 1973

(60) Wilhelm Reich Orop Wüste, S. 13f

(61) Zeugnisse einer Freundschaft. Der Briefwechsel zwischen Wilhelm Reich und A.S. Neill 1936-1957.

 

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